Ein Zuviel
Manchmal braucht es viel Zeit um aus einem persönlichen Tief zu kommen. Sehr viel Zeit sogar. Die Tage und Monate vergehen und man will schon gar nicht auf bessere Zeiten hoffen. Jegliche Hoffnung auf Besserung der eigenen Lebensumstände oder der eigenen Gemütslage scheint in der unerträglichen Trägheit des Alltags zu verschwinden. Während man sich oft tagelang im Bett von Seite zu Seite wälzt denkt man an das fröhliche Leben der anderen, denn das eigene Leben scheint lediglich eine unerträgliche Qual zu sein. Und so vergießt man mitunter eine Flut an Tränen in sein stilles und geduldiges Kopfpolster, bevor man sich endlich dazu entschließt, das sichere Örtchen Bett zu verlassen und ein paar Scheiben Toastbrot in sich zu stopfen.
Bei mir sind nun über ein Dutzend schlechter Monate vergangen, in denen ich mich mit meiner Vergangenheit und mit mir selbst auseinander gesetzt habe. Auf dem Weg der Selbsterkenntnis und Selbstfindung war und ist es nicht einfach zu gehen. Schnell ist man versucht bei der Selbstbetrachtung einen einfachen und gemütlichen Weg zu nehmen. Die eigenen Probleme und Unzulänglichkeiten anderen in die Schuhe zu schieben mag einer dieser einfachen Wege sein: Wäre er/sie/* damals so oder so gewesen! Hätte */sie/er damals dieses oder jenes getan! Wäre er/sie/* doch einen Schritt auf mich zugegangen! Oooh … um wieviel besser würde es mir doch heute gehen! Oft kommt man zwar nicht vom Weg ab, allerdings auf diesem auch nicht weiter, denn man dreht sich auf diesem lediglich im Kreis und überhäuft sich dabei mit Selbstvorwürfen: Hätte ich mich damals doch anders verhalten! Wäre ich damals nach links statt nach rechts gegangen! Hätte ich doch jene statt dieser Entscheidung getroffen! Oooh … um wie viel besser würde es mir doch heute gehen!
Es ist gut zu erkennen, was denn die Ursache für ein Tief bei sich selbst war oder (noch) ist, wobei die Erkenntnis einerseits lange auf sich warten lassen und andererseits sich mit der Zeit auch durchaus ändern kann. Bei mir war – so der vorläufige Stand meiner umfassenden Innenbetrachtung – der Auslöser für meine Überforderung, (emotionale) Erschöpfung und verminderte Leistungsfähigkeit hausgemacht und lässt sich auf ein Zuviel an beruflichen und vor allem privaten Aktivitäten zurückführen. Mit diesem Zuviel habe ich mich in den vergangenen Monaten hinreichend beschäftigt und konnte daher erkennen, dass ich zum Selbstschutz und zur Schonung meiner Energie, die ja – entgegen meiner noch bis vor kurzem jugendlichen Vorstellung – nicht unerschöpflich ist, ein wenig kürzer treten und daher vor allem im privaten Bereich auf einige Tätigkeiten verzichten muss. Es ist mir – sprichwörtlich – nicht mehr möglich, auf allen Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Irgendwo muss ich nun einfach Abstriche machen. Viele Monate nach meiner körperlichen und geistigen Überforderung sowie meiner Krise freue ich mich endlich akzeptieren zu können, dass ich mich nun statt einer Vielzahl an Interessen auf einige wenige beschränken kann, ohne dabei das Gefühl zu haben, mein Leben wäre nur noch von Langeweile geprägt.
Meistens dachte ich in den vergangenen Monaten in Bezug auf meine körperliche sowie geistige Überforderung und damit einhergehende Bedrücktheit über psychosoziale Auslöser nach. Unlängst erklärte mir allerdings eine liebe Freundin, dass für das ständige Gefühl eines Tiefs auch neurobiologische Veränderungen im Gehirn verantwortlich sein können. Der Grund hierfür können Veränderungen diverser Hormone und Botenstoffe im Gehirn sein. Ein Zuviel an Stresshormonen wie Cortisol, ein Zuwenig an sogenannten Glückshormonen wie Serotonin, Noradrenalin, Endorphine, Oxytocin. Glückshormone steigern das Wohlbefinden und rufen Glücksgefühle hervor.
Da kam mir der glückliche Gedanke, dass das Zuviel an Beschäftigung vor meinem körperlichen und geistigen Versagen sowie das darauf folgende Zuviel an unfassbar schlechter Stimmung und Trauer gleichzeitig ein Zuwenig an etwas anderem bedeutete und nach wie vor bedeutet. Dieses Zuwenig gilt es in den kommenden Monaten und Jahren auszugleichen, um wieder mehr Glück und Zufriedenheit zu spüren.
Ein Zuwenig
Oft hat man keinen Einfluss darauf, wie viele Stunden man in seinem Beruf verbringen muss. Hier ist man gebunden, hat also keine Wahl. Hingegen hat man die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie viel Zeit man in private Tätigkeiten investieren will. Da die Tage bekanntlich aber nur 24 Stunden haben, bedeutet ein Zuviel an vor allem privatem Rummel, dass so unweigerlich der gesamte Alltag, aber auch der überwiegende Teil der Freizeit, ausfüllt wird. Mir scheint, dass ich unbewusst in diese „Falle“ geraten bin.
Dabei scheint es mir, als wäre ich nicht der Einzige, der in diese Falle gerät. Es mag ein Paradox sein, dass man heutzutage umso mehr in seiner freien Zeit tun möchte, umso mehr man aus beruflichen Gründen arbeitet oder arbeiten muss. Je mehr man arbeitet, um so mehr will man in seiner Freizeit etwas anderes als Arbeit erleben, wobei dieser regelrechte Zwang zum Tun in der Freizeit letztlich dann aber doch wieder nur in Arbeit mündet. So geht man nach einer beschwerlichen Arbeitswoche zur „Erholung“ stundenlang wandern oder fährt kreuz und quer mit dem Fahrrad herum. Man gräbt zur „beruflichen Abwechslung“ den ganzen Garten um oder renoviert ein Haus. Man rennt am Wochenende zur „Entspannung“ von Flohmarkt zu Flohmarkt, von einer Bar zur nächsten, von einem Event zum anderen.
Problematisch wird es meiner Meinung nach dann, wenn – ähnlich wie im Beruf – man bei der Planung seiner Freizeit nicht mehr ohne einen Terminkalender auskommt, denn über die unzähligen Besuche von Ausstellungen, Konzerten oder Führungen muss man ja irgendwie den Überblick behalten. Der wöchentliche Yoga-, Töpfer- und Gesangkurs da, die gelegentliche Theatervorstellung, das Ballet, die Lesung dort – alles muss mal eingetragen werden. Dazu kommen geplante Familienaktivitäten und Besuche von Freunden, Kurzurlaube und Städtetrips, Shoppingausflüge und Thermentage. Wenn man alle Termine penibel eintragen muss um den Überblick nicht zu verlieren oder permanent Terminkollisionen zu vermeiden, wenn man bei jeder Anfrage, ob man denn dann und wann Zeit für ein kurzes Treffen hätte, den Kalender zu rate ziehen muss, dann hat man ein Problem mit seiner FREI-Zeit. Denn schnell sind die kommenden Tage, Wochen und gar Monate mit einer Vielzahl an Terminen ausgefüllt, sodass man keine freie Minute mehr für sich selbst findet, ungeplante Ereignisse eine Herausforderung für das persönliche Zeitmanagement werden, sich spontane Handlungen nicht mehr ergeben und Langeweile nicht mehr aufkommt. Doch Langeweile ist ein Schlüssel zur Kreativität, ein einfacher Weg zu sich selbst und dadurch auch zu anderen, und in unserer schnelllebigen und hastigen Welt wichtiger denn je.
Das ständige Tun bei den unzähligen Aktivitäten, denen man heutzutage nachgehen kann, aber auch die vielen Verpflichtungen, die man sich selbst auferlegt, gehen schließlich auf Kosten von Freiheit. Der Freiheit, nichts zu tun. Einfach mal nur sein. Nicht mehr und nicht weniger. Für mich bedeutete dieser Freiheitsverlust auch einen Verlust an Freude. Freude ist das, was mir in den Monaten vor meiner Erschöpfung und meinem Tief abhanden gekommen ist. Denn das viele Tun vor meinem Ausbrennen tat ich irgendwann, auch wenn ich mich für viele der Beschäftigungen zunächst selbst entschieden habe, nicht mehr aus Freude, sondern aus reiner Pflicht. Schließlich habe ja ich mich selbst für den Kauf eines Gartens entschieden und musste somit nicht nur die monatlichen Raten für die Abbezahlung berappen, sondern im Garten auch viel tun, zu Baumärkten oder zum Müllplatz fahren, hier einfach ständig Arbeit verrichten. Die Kurse, für die ich ja auch zahlte, wollte ich ja tatsächlich irgendwann auch machen und wollte sie nicht entfallen lassen, also ging ich regelmäßig zu den festgelegten Zeit hin, trainierte eifrig vor mich hin und kam müde spät abends nach Hause. Und alle anderen Betätigungen waren ja schließlich auch irgendwie von mir gewollt. Dieses Wollen ist irgendwann zu viel geworden und wurde zu einer lästigen Pflicht.
Die geistige und körperliche Erschöpfung führte mehr und mehr zu einem Desinteresse an all den Dingen um mich herum, einer Abkehr von mir selbst und einem Rückzug von all den mir lieber Menschen in meinem Leben. Soziale Kontakte zur Familie und zu Freunden zu pflegen ist aber schließlich das, was mir immer viel Freude bereitet und mir viel Energie gegeben hat. Heute weiß ich, dass es mir damals an einem gesunden Mittelmaß zwischen Zuviel und Zuwenig an irgendwelchen Dingen gefehlt hat.
Das Mittelmaß
Durch das viele Tun fehlte es mir an Zeit, Kraft und Muße für die unaufgeregten aber so wertvollen Kleinigkeiten des Lebens. Kleinigkeiten, die enorm viel Freude bereiten und kurz- aber auch langfristig Energie geben und für ein fröhliches Gemüt sorgen. Der Geliebten einen Blumenstrauß schenken oder für sie eine Kleinigkeiten basteln. Gemeinsam einen Kuchen backen, dabei Musik hören und ein paar Gläser Wein trinken. Einfach mal einen unaufgeregten Spaziergang in den Weinbergen machen und sich irgendwo mit einem Buch in die Wiese legen. Ein ehrliches Gespräch über die Beziehung, und heimliche Wünsche und Vorstellungen führen. Wetterabhängig aus dem Bauch entscheiden, ob man nicht lieber den ganzen Tag im Bett bleibt oder doch etwas verrücktes unternimmt.
Zu den Kleinigkeiten gehört aber auch, die ganze Familie zum Essen zu treffen, Anekdoten und Witze zu erzählen, und dabei viel zu lachen. Die beste Freundin auf ein paar nette Drinks zu treffen und über Gott und die Welt zu plaudern. Auf das Land zu fahren, um liebe Freunde, die man vermisst, zu besuchen und gemeinsam mit ihnen ein paar feine Stunden zu verbringen. Mit einem Freund auf der Couch zu sitzen, über die alten Tage zu plaudern und gemeinsam vielleicht Musikvideos zu schauen. Einen aufregenden Tag mit einer lieben Freundin im Prater oder bei einem Ausflug in Brünn zu verbringen. Meine Jungs auf ein Bier oder fünf zu treffen und dabei nur sinnloses Zeug zu plaudern. Gut, nicht nur, ab und zu fällt auch ein äußerst intellektueller Sager. Eine andere Freundin zum Mittagessen zu treffen, wobei sie als Nachtisch selbstgemachte Apfel-Streusel-Cupcakes mitnimmt. Da freut man sich gleich umso mehr. Jemandem einen Brief zu schreiben.
Freude bereitet aber auch alleine schon die Vorstellung, dass man sich zu einem späteren Zeitpunkt einmal freuen wird, da etwas bestimmtes eintritt, von dem man weiß, dass es schön ist oder auch gut tut. Und das nicht einmal einem selbst. Freude darüber, dass irgendwann jemand überrascht ein Geschenk aufmacht, das man heimlich abgeschickt hat. Freude über die fröhlichen Gesichter, denen das selbst gekochte Essen schmeckt. Freude über die Hilfe, die man jemanden angeboten und somit gemeinsam etwas tolles geschafft hat, und sei es etwas so plumpes wie das Ausmalen einer Wohnung.
Es sind die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen. Die endlos großen, fruchtlosen und energieraubenden Baustellen des Lebens bringen auf Dauer keine Freude. Daher: Weniger von Mehr, mehr von Weniger!
Fazit: Das Glück ist das einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt. (Albert Schweitzer)




































