Hallo 2020

Ein Zuviel

Manchmal braucht es viel Zeit um aus einem persönlichen Tief zu kommen. Sehr viel Zeit sogar. Die Tage und Monate vergehen und man will schon gar nicht auf bessere Zeiten hoffen. Jegliche Hoffnung auf Besserung der eigenen Lebensumstände oder der eigenen Gemütslage scheint in der unerträglichen Trägheit des Alltags zu verschwinden. Während man sich oft tagelang im Bett von Seite zu Seite wälzt denkt man an das fröhliche Leben der anderen, denn das eigene Leben scheint lediglich eine unerträgliche Qual zu sein. Und so vergießt man mitunter eine Flut an Tränen in sein stilles und geduldiges Kopfpolster, bevor man sich endlich dazu entschließt, das sichere Örtchen Bett zu verlassen und ein paar Scheiben Toastbrot in sich zu stopfen.

Bei mir sind nun über ein Dutzend schlechter Monate vergangen, in denen ich mich mit meiner Vergangenheit und mit mir selbst auseinander gesetzt habe. Auf dem Weg der Selbsterkenntnis und Selbstfindung war und ist es nicht einfach zu gehen. Schnell ist man versucht bei der Selbstbetrachtung einen einfachen und gemütlichen Weg zu nehmen. Die eigenen Probleme und Unzulänglichkeiten anderen in die Schuhe zu schieben mag einer dieser einfachen Wege sein: Wäre er/sie/* damals so oder so gewesen! Hätte */sie/er damals dieses oder jenes getan! Wäre er/sie/* doch einen Schritt auf mich zugegangen! Oooh … um wieviel besser würde es mir doch heute gehen! Oft kommt man zwar nicht vom Weg ab, allerdings auf diesem auch nicht weiter, denn man dreht sich auf diesem lediglich im Kreis und überhäuft sich dabei mit Selbstvorwürfen: Hätte ich mich damals doch anders verhalten! Wäre ich damals nach links statt nach rechts gegangen! Hätte ich doch jene statt dieser Entscheidung getroffen! Oooh … um wie viel besser würde es mir doch heute gehen!

Es ist gut zu erkennen, was denn die Ursache für ein Tief bei sich selbst war oder (noch) ist, wobei die Erkenntnis einerseits lange auf sich warten lassen und andererseits sich mit der Zeit auch durchaus ändern kann. Bei mir war – so der vorläufige Stand meiner umfassenden Innenbetrachtung – der Auslöser für meine Überforderung, (emotionale) Erschöpfung und verminderte Leistungsfähigkeit hausgemacht und lässt sich auf ein Zuviel an beruflichen und vor allem privaten Aktivitäten zurückführen. Mit diesem Zuviel habe ich mich in den vergangenen Monaten hinreichend beschäftigt und konnte daher erkennen, dass ich zum Selbstschutz und zur Schonung meiner Energie, die ja – entgegen meiner noch bis vor kurzem jugendlichen Vorstellung – nicht unerschöpflich ist, ein wenig kürzer treten und daher vor allem im privaten Bereich auf einige Tätigkeiten verzichten muss. Es ist mir – sprichwörtlich – nicht mehr möglich, auf allen Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Irgendwo muss ich nun einfach Abstriche machen. Viele Monate nach meiner körperlichen und geistigen Überforderung sowie meiner Krise freue ich mich endlich akzeptieren zu können, dass ich mich nun statt einer Vielzahl an Interessen auf einige wenige beschränken kann, ohne dabei das Gefühl zu haben, mein Leben wäre nur noch von Langeweile geprägt.

Meistens dachte ich in den vergangenen Monaten in Bezug auf meine körperliche sowie geistige Überforderung und damit einhergehende Bedrücktheit über psychosoziale Auslöser nach. Unlängst erklärte mir allerdings eine liebe Freundin, dass für das ständige Gefühl eines Tiefs auch neurobiologische Veränderungen im Gehirn verantwortlich sein können. Der Grund hierfür können Veränderungen diverser Hormone und Botenstoffe im Gehirn sein. Ein Zuviel an Stresshormonen wie Cortisol, ein Zuwenig an sogenannten Glückshormonen wie Serotonin, Noradrenalin, Endorphine, Oxytocin. Glückshormone steigern das Wohlbefinden und rufen Glücksgefühle hervor.

Da kam mir der glückliche Gedanke, dass das Zuviel an Beschäftigung vor meinem körperlichen und geistigen Versagen sowie das darauf folgende Zuviel an unfassbar schlechter Stimmung und Trauer gleichzeitig ein Zuwenig an etwas anderem bedeutete und nach wie vor bedeutet. Dieses Zuwenig gilt es in den kommenden Monaten und Jahren auszugleichen, um wieder mehr Glück und Zufriedenheit zu spüren.

Ein Zuwenig

Oft hat man keinen Einfluss darauf, wie viele Stunden man in seinem Beruf verbringen muss. Hier ist man gebunden, hat also keine Wahl. Hingegen hat man die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie viel Zeit man in private Tätigkeiten investieren will. Da die Tage bekanntlich aber nur 24 Stunden haben, bedeutet ein Zuviel an vor allem privatem Rummel, dass so unweigerlich der gesamte Alltag, aber auch der überwiegende Teil der Freizeit, ausfüllt wird. Mir scheint, dass ich unbewusst in diese „Falle“ geraten bin.

Dabei scheint es mir, als wäre ich nicht der Einzige, der in diese Falle gerät. Es mag ein Paradox sein, dass man heutzutage umso mehr in seiner freien Zeit tun möchte, umso mehr man aus beruflichen Gründen arbeitet oder arbeiten muss. Je mehr man arbeitet, um so mehr will man in seiner Freizeit etwas anderes als Arbeit erleben, wobei dieser regelrechte Zwang zum Tun in der Freizeit letztlich dann aber doch wieder nur in Arbeit mündet. So geht man nach einer beschwerlichen Arbeitswoche zur „Erholung“ stundenlang wandern oder fährt kreuz und quer mit dem Fahrrad herum. Man gräbt zur „beruflichen Abwechslung“ den ganzen Garten um oder renoviert ein Haus. Man rennt am Wochenende zur „Entspannung“ von Flohmarkt zu Flohmarkt, von einer Bar zur nächsten, von einem Event zum anderen.

Problematisch wird es meiner Meinung nach dann, wenn – ähnlich wie im Beruf – man bei der Planung seiner Freizeit nicht mehr ohne einen Terminkalender auskommt, denn über die unzähligen Besuche von Ausstellungen, Konzerten oder Führungen muss man ja irgendwie den Überblick behalten. Der wöchentliche Yoga-, Töpfer- und Gesangkurs da, die gelegentliche Theatervorstellung, das Ballet, die Lesung dort – alles muss mal eingetragen werden. Dazu kommen geplante Familienaktivitäten und Besuche von Freunden, Kurzurlaube und Städtetrips, Shoppingausflüge und Thermentage. Wenn man alle Termine penibel eintragen muss um den Überblick nicht zu verlieren oder permanent Terminkollisionen zu vermeiden, wenn man bei jeder Anfrage, ob man denn dann und wann Zeit für ein kurzes Treffen hätte, den Kalender zu rate ziehen muss, dann hat man ein Problem mit seiner FREI-Zeit. Denn schnell sind die kommenden Tage, Wochen und gar Monate mit einer Vielzahl an Terminen ausgefüllt, sodass man keine freie Minute mehr für sich selbst findet, ungeplante Ereignisse eine Herausforderung für das persönliche Zeitmanagement werden, sich spontane Handlungen nicht mehr ergeben und Langeweile nicht mehr aufkommt. Doch Langeweile ist ein Schlüssel zur Kreativität, ein einfacher Weg zu sich selbst und dadurch auch zu anderen, und in unserer schnelllebigen und hastigen Welt wichtiger denn je.

Das ständige Tun bei den unzähligen Aktivitäten, denen man heutzutage nachgehen kann, aber auch die vielen Verpflichtungen, die man sich selbst auferlegt, gehen schließlich auf Kosten von Freiheit. Der Freiheit, nichts zu tun. Einfach mal nur sein. Nicht mehr und nicht weniger. Für mich bedeutete dieser Freiheitsverlust auch einen Verlust an Freude. Freude ist das, was mir in den Monaten vor meiner Erschöpfung und meinem Tief abhanden gekommen ist. Denn das viele Tun vor meinem Ausbrennen tat ich irgendwann, auch wenn ich mich für viele der Beschäftigungen zunächst selbst entschieden habe, nicht mehr aus Freude, sondern aus reiner Pflicht. Schließlich habe ja ich mich selbst für den Kauf eines Gartens entschieden und musste somit nicht nur die monatlichen Raten für die Abbezahlung berappen, sondern im Garten auch viel tun, zu Baumärkten oder zum Müllplatz fahren, hier einfach ständig Arbeit verrichten. Die Kurse, für die ich ja auch zahlte, wollte ich ja tatsächlich irgendwann auch machen und wollte sie nicht entfallen lassen, also ging ich regelmäßig zu den festgelegten Zeit hin, trainierte eifrig vor mich hin und kam müde spät abends nach Hause. Und alle anderen Betätigungen waren ja schließlich auch irgendwie von mir gewollt. Dieses Wollen ist irgendwann zu viel geworden und wurde zu einer lästigen Pflicht.

Die geistige und körperliche Erschöpfung führte mehr und mehr zu einem Desinteresse an all den Dingen um mich herum, einer Abkehr von mir selbst und einem Rückzug von all den mir lieber Menschen in meinem Leben. Soziale Kontakte zur Familie und zu Freunden zu pflegen ist aber schließlich das, was mir immer viel Freude bereitet und mir viel Energie gegeben hat. Heute weiß ich, dass es mir damals an einem gesunden Mittelmaß zwischen Zuviel und Zuwenig an irgendwelchen Dingen gefehlt hat.

Das Mittelmaß

Durch das viele Tun fehlte es mir an Zeit, Kraft und Muße für die unaufgeregten aber so wertvollen Kleinigkeiten des Lebens. Kleinigkeiten, die enorm viel Freude bereiten und kurz- aber auch langfristig Energie geben und für ein fröhliches Gemüt sorgen. Der Geliebten einen Blumenstrauß schenken oder für sie eine Kleinigkeiten basteln. Gemeinsam einen Kuchen backen, dabei Musik hören und ein paar Gläser Wein trinken. Einfach mal einen unaufgeregten Spaziergang in den Weinbergen machen und sich irgendwo mit einem Buch in die Wiese legen. Ein ehrliches Gespräch über die Beziehung, und heimliche Wünsche und Vorstellungen führen. Wetterabhängig aus dem Bauch entscheiden, ob man nicht lieber den ganzen Tag im Bett bleibt oder doch etwas verrücktes unternimmt.

Zu den Kleinigkeiten gehört aber auch, die ganze Familie zum Essen zu treffen, Anekdoten und Witze zu erzählen, und dabei viel zu lachen. Die beste Freundin auf ein paar nette Drinks zu treffen und über Gott und die Welt zu plaudern. Auf das Land zu fahren, um liebe Freunde, die man vermisst, zu besuchen und gemeinsam mit ihnen ein paar feine Stunden zu verbringen. Mit einem Freund auf der Couch zu sitzen, über die alten Tage zu plaudern und gemeinsam vielleicht Musikvideos zu schauen. Einen aufregenden Tag mit einer lieben Freundin im Prater oder bei einem Ausflug in Brünn zu verbringen. Meine Jungs auf ein Bier oder fünf zu treffen und dabei nur sinnloses Zeug zu plaudern. Gut, nicht nur, ab und zu fällt auch ein äußerst intellektueller Sager. Eine andere Freundin zum Mittagessen zu treffen, wobei sie als Nachtisch selbstgemachte Apfel-Streusel-Cupcakes mitnimmt. Da freut man sich gleich umso mehr. Jemandem einen Brief zu schreiben.

Freude bereitet aber auch alleine schon die Vorstellung, dass man sich zu einem späteren Zeitpunkt einmal freuen wird, da etwas bestimmtes eintritt, von dem man weiß, dass es schön ist oder auch gut tut. Und das nicht einmal einem selbst. Freude darüber, dass irgendwann jemand überrascht ein Geschenk aufmacht, das man heimlich abgeschickt hat. Freude über die fröhlichen Gesichter, denen das selbst gekochte Essen schmeckt. Freude über die Hilfe, die man jemanden angeboten und somit gemeinsam etwas tolles geschafft hat, und sei es etwas so plumpes wie das Ausmalen einer Wohnung.

Es sind die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen. Die endlos großen, fruchtlosen und energieraubenden Baustellen des Lebens bringen auf Dauer keine Freude. Daher: Weniger von Mehr, mehr von Weniger!

Fazit: Das Glück ist das einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt. (Albert Schweitzer)

Tschüss 2019

Hi du!

Es tut mir leid (wirklich!), dass ich mich gerade nicht melde bzw. zurückziehe. Ich wollte bei dir schon lange Hallo sagen, aber irgendwie hatte ich in den letzen Wochen so viel um die Ohren: Das Ankommen in Wien und Einziehen bei meiner Schwester, warme Klamotten in meiner Wohnung holen, irgendwelche bürokratischen Dinge erledigen, mich mit meiner Mieterin herumärgern, die Jungs im Kent treffen, für die Prüfung lernen, meine Mom besuchen … es ist mir gerade zu viel.

2019 neigt sich dem Ende zu und so versuche ich neben all dem, was ich ohnehin schon mache, einen Schlussstrich unter diesem Jahr zu ziehen, doch es mag mir nicht ganz gelingen. Irgendwie nagen nach wie vor noch die Ereignisse von 2018 an mir, obwohl mein Burnout nun 16 und die Trennung von meiner Freundin 14 Monate her sind. Alles, was damals passiert ist und was ich gemacht habe, geht mir ständig durch den Kopf und lässt mich nicht los.

Das Jahr war und ist emotional kein einfaches Jahr gewesen, und irgendwie scheint mir alles, was ich in diesem Jahr gemacht habe, ein riesiger Scherbenhaufen zu sein. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich aus dem Ganzen wieder herauskommen, wo ich nun aufzuräumen anfangen, was ich denn tun soll. Also hänge ich über den Büchern und lerne und lerne und lerne.

Gerade ist mir nicht viel nach reden, es ist so viel und egal wo ich denn anfange, es endet immer damit, dass ich 2018 in meiner Krise alles kurz und klein geschlagen habe, und dadurch eine wichtige Person und sogar noch mehr verlor. Irgendwie frage ich mich mit 41, was ich jetzt außer Scherben noch habe. Ich habe eine liebende Familie und die tollsten Freunde auf der Welt, aber auch sie können mir alle nicht helfen, diesen Scherbenhaufen aufzuräumen. Das muss ich selbst tun. Weiß du, das ist gar nicht so einfach und oft denke ich mir, dass ich das nicht schaffen werde. Manchmal wünsche ich mir, das alles und ich wären einfach vorbei.

Von Anfang 2017 bis Mitte 2018 bin ich nicht nur einen, ich bin ein paar Dutzend ganzer Marathons gelaufen, ohne dass ich mir dessen bis zu meinem Burnout und meiner Krise bewusst war. 2017 fing die viele Arbeit im Garten an. Zunächst habe ich dort alleine die Komposter gebaut und unzählige Arbeiten erledigt. Dann habe ich eigenhändig die Fließen in der Wohnung in der alten Küche runter gestemmt und die Küche nach den Elektroarbeiten selbst verputzt. Danach gab es wieder irrsinnig viel Arbeit im Garten und ich will gar nicht wissen, wie oft ich am Müllplatz war, um unfassbar schwere Schuttsäcke wegzubringen. Oft alleine! Dazwischen natürlich ständig mein Job. Ich war auf einem Bike- und Wanderurlaub mit meiner Freundin in Kärnten, komasaufen in Berlin mit den Jungs, beruflich in Niederösterreich unterwegs und zum Schluss wieder in Kärnten mit meiner Partnerin.

2018 war nicht viel besser. Ich habe im Frühjahr alleine mit einem Gärtner 10 Stunden die Obstbäume im Garten umgeschnitten. Nachher waren meine Freundin und ich auf Mallorca Rennrad fahren, was im Nachhinein betrachtet wenig an Erholung bedeutete. Daneben hatte ich ständig unfassbar viel um die Ohren in meinem Job, der mir zur damaligen Zeit keinen Spaß machte, ich war ständig im Garten, war immer wieder mit meiner Partnerin in Kärnten, war mit ihr und ihren Freunden in Prag, ich war regelmäßig zwei bis drei mal in der Woche im Wing Chun Training, am Donnerstag mit den Jungs Biken, ich habe im Sommer den A-Führerschein gemacht und war eine Woche meines zweiwöchigen Sommerurlaubs in Baumärkten, beim IKEA und am Grundstück bei 40 Grad arbeiten. Ich dachte mir: Das geht sich schon alles aus, ich habe die Energie und ich will, dass „unser“ Garten und das Häuschen schön und gemütlich sind. Ja, es war irgendwann schön und gemütlich. Und ich? Ich war nachher im Arsch während meine Freundin ständig auf irgendwelchen Dienstreisen war. Und es ist niemand gekommen, weder im Job, noch privat, noch irgendwo und hat irgendwann gesagt: „Hey, das hast du super über die Bühne gebracht. Ich bin stolz auf dich!“ Nein, einen Scheißdreck hat irgendwer mal irgendwo gesagt. Im Job habe ich zu funktionieren wie ein Uhrwerk und in der Beziehung bin ich halt der starke Mann der alles zu schupfen hat. Und wenn nicht, dann bin ich halt auswechselbar. Im Job, in der Beziehung, überall.

Und weißt du … was von dem vielen Tun, dass ich 2017 und 2018 gemacht habe, gesehen wurde? Nur, dass ich meinen Pimmel wo anders reingesteckt habe. Ich habe mir damals in der Früh „Mutan“ und am Abend „Trittico“ reingeworfen, und was die mit einem machen steht im Beipackzettel, das kann man auch nachgooglen. Aber egal, ich habe meinen Lümmel wo anders reingesteckt und das ist alles, was von den mehr als zwei Jahren Beziehung mit meiner nunmehr Ex übrig geblieben ist. Fertig. Mehr ist es nicht. Keine Sau (bis auf ein paar Ausnahmen) – meine Freundin schon gar nicht – hat es interessiert, warum es so weit gekommen ist. Dass meine Partnerin genau dann, als es mir am schlimmsten gegangen ist, nach Kärnten weggefahren ist, ist für alle irrelevant. Mir hat das damals das psychische Genick gebrochen. Dass ich mir nicht mehr gewünscht habe, als dass mich meine Freundin auch mal in den Arm nimmt, ist egal. Ich wusste damals nicht wo vorne und wo hinten ist, und habe mir eingebildet, polyamor zu sein und meine Freundin und die Affäre gleichzeitig zu lieben. Dabei wollte ich einfach nur von jemandem mal gesehen und wahrgenommen und geliebt werden. Mein Seitensprung war zur falschen Zeit am richtigen Ort, nämlich für mich da, wo es mir schlecht ging. Sie hat die Hand angeboten und ich habe sie genommen. Fertig. Der Sex war übrigens für den Arsch, weil ich auf meinen Tabletten mit Orgasmus- und Ejakulationsstörungen zu kämpfen hatte. Die Affäre hat mir nachher gesagt, sie sei mehr oder weniger frigide, sie hätte Dank dem unfassbaren Leistungsdruck, den sie sich beruflich selbst auferlegt, nur alle paar Jahre(!) Lust auf Sex, was schon in ihren anderen Beziehungen ein Problem war (no na). Und dann war von ihr nie wieder etwas gehört. Die Leute haben keine Ahnung, wie sehr das mein Selbstwertgefühl zerstört hat, weil die eigene Partnerin für mich nicht da war und das G’spusi mir gesagt hat, sie habe nur alle zwei Jahre Sex. Meine Therapeutin hat gemeint, ich hätte es gleich zwei mal mit einer Abweisung zu tun gehabt, was hinzunehmen unfassbar schwer sein muss. Haha … so viel Glück muss man auch haben. Egal … wen interessiert das schon?!

Ich kann relativ gut mit Worten, aber hier habe ich versagt. Ich konnte mich nicht mitteilen, ich konnte bis heute meiner Ex nicht sagen, was los war und wie gern ich sie gehabt habe. Ist ja auch scheiß egal, wenn man total erledigt ist und verlassen wird und dann den Menschen, den man am liebsten bei sich hätte, betrügt.

Heute weiß ich, dass ich damals zu lange völlig am Limit war. Und ich behaupte, meine damalige Freundin auch. Sie hatte ja ebenfalls viel im Job und mit unserem Garten um die Ohren. Wir haben uns in dem vielen Tun verloren, ich habe es völlig vermasselt und wir fanden in dem Chaos nicht mehr zueinander zurück. Es fehlte uns die Kraft, Abstand von allem zu nehmen um zu sehen, was wirklich los war. Als ich damals, Ende 2018, nach Asien weg fuhr, ließ ich alle meine Sorgen hier zurück. Nach meiner Rückkehr offenbarte sich mir aber das ganze Unheil. Doch es war nichts mehr zu machen. Der Schaden konnte nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Seit dem kämpfe ich mit Schuldgefühlen und Trauer. Weil ich mich mit mir selbst nicht wohl fühle, weil ich, ja, schon 14 Monate lang, meiner Freundin nachtrauere, weil ich einfach nicht weiß, was ich denn will und warum.

Sorry, dass ich schon so lange kein einfacher und kein lustiger Mensch mehr bin. Ich habe das Gefühl, dass ich 2018 mein Leben „verloren“ habe. Seit meinem Burnout bin ich einfach nur unfassbar müde, komme aber zu keiner Erholung. Ich treffe Entscheidungen aus dem Bauch heraus und bereue diese später. Ich mache Dinge, von denen ich nicht weiß, ob ich sie machen will. Ich drehe mich in einem Kreis und komme einfach nicht wieder auf die richtige Bahn.

Ich habe 2018 durch den Burnout, die Trennung, das Gefühlschaos, die Unzufriedenheit etc. einen ordentlichen Knacks davon getragen und versuche nun irgendwie mein Leben wieder in die richtige Bahn zu lenken beziehungsweise generell irgendwie halbwegs zu funktionieren. Das ist nicht einfach. Ich fühle mich oft in meiner Haut nicht wohl und weiß nicht, wohin ich mich weiter entwickeln soll. Zwei Jahrzehnte war vieles für mich klar und selbstverständlich, nun fing alles an zu bröckeln.

Ich bin ein 41-jähriger Typ, der einsam in einer 28,75 m2 Gemeindewohnung wohnt, der in seiner jetzigen Bildungskarenz von 950 Euro lebt und der sich 600 Seiten für eine Prüfung in sein Hirn quetscht, obwohl nicht klar ist, ob ich das Studium überhaupt weiter machen will, denn es zermürbt mich, täglich alleine unzählige Stunden vor den Büchern zu sitzen ohne mir davon etwas zu merken.

Hm … um ehrlich zu sein habe ich keine Ahnung, was ich gerade mache und warum. Aber ja, ich mache jetzt mal weiter, weil wenn ich die Prüfung nicht schaffe, dann … ja … dann habe ich ein ernstes Problem. Und zwar noch eines neben den vielen anderen. Aber wen interessiert auch das schon?!

Ich hoffe, dass sich dir jetzt nicht der Kopf dreht und du dir zu viele Gedanken machst. Irgendwann wird das alles wieder gut. In den letzen Monaten habe ich so viele Menschen kennen gelernt, die einen Burnout, eine Depression, Angstschübe, Unsicherheiten, Verzweiflung, was auch immer hatten, da ist das, wo ich gerade durchgehe, ein Scheiß dagegen. Dass ich mindestens einmal in der Woche weine, weil ich an meine mir verloren gegangene Freundin, den Garten, Freunde, Familie und ansonsten mein vergangenes und relativ schönes Leben denke, ist nichts gegen andere. Aber ja, am Ende des Tages tröstet es mich auch nicht, dass es anderen noch schlechter geht als mir. Ich darf mich nicht vergleichen, ich muss meine Probleme als eigenständig ansehen. Andere würden vielleicht mit den Schultern zucken, aber mir machen meine Probleme das Leben schwer.

Manche haben Glück und können (es sich leisten) sich in so einer Lebenslage professionelle Hilfe (zu) holen. Andere „lösen“ die Krise durch übermäßigen Alkohol- und Drogenkonsum. Wieder andere, so wie ich, hören mit dem Saufen und den Drogen auf (na schau, ist doch etwas Positives. Seit knapp 3 Monaten bin ich nun „clean“ – kein Alk, nicht mal Kaffee. Ich bin körperlich der fitteste Typ in ganz Wien … hahaha) und ziehen sich zurück, und machen halt irgendetwas, weil sie gerade nicht wissen, wie sie wieder hochkommen sollen.

Mir ist klar, dass das nichts ist, was in einer oder zwei Wochen erledigt ist. Das wird Monate, wenn nicht Jahre dauern. Du kennst mich ja, ich bin ein relativ kopflastiger Mensch. Ich muss für mich Wege finden, wie ich wieder zufriedener und glücklicher sein kann. Das bedeutet auch, dass ich jetzt vergangene Lebensentwürfe hinterfrage und Dinge ändere. Manches kann man leicht ändern, manches braucht halt Geld, so wie zum Beispiel der Umbau meiner jetzigen Wohnung oder ein Umzug in eine andere und größere Wohnung. Vielleicht ist es langsam an der Zeit, meine 160 Euro Gemeindewohnung zu verlassenen. Keine Ahnung, ich weiß es (noch) nicht. Aber ja … das ist halt gar nicht einfach. Du kennst ja die Mietpreise in Wien.

Und dann kommen noch 1.000 andere Baustellen hinzu. Job: Was will ich tun? Beziehung: Wie soll sie sein? Und … und … und …

Wenn ich so über das letze Jahr nachdenke, dann weiß ich, dass auf mich große Veränderungen zukommen:

  1. Ich muss endlich häuslich werden, mir ein zu Hause schaffen, ein Heim, einen Ort, wo ich nicht nur zum Schlafen bin, sondern wo ich mich auch richtig wohl fühle, wo ich auch gerne bleiben mag. Entweder gestalte ich meine kleine Wohnung um, setze sie in den ursprünglichen Zustand mit Hochbett und Sofa zurück, und schaffe mir hier eine kleine gemütliche Höhle, oder ich suche mir eine neue Wohnung. Eine Wohnung, die ich mir langsam gemütlich einrichten kann. Die bisschen Platz hat für ein paar Blumen und für all meine Erinnerungen der letzen 40 Jahre, die sich nun in irgendwelchen Schachteln befinden, die ich schon lange nicht mehr in der Hand hatte. Platz für ein gemütliches Sofa mit einer Kuscheldecke und einem Bücherregal daneben. Da mal ein schönes Ding vom Flohmarkt und hier eine Kleinigkeit an der Wand. Etwas, was mir ein Ort der Sicherheit und Geborgenheit ist.
  2. Ich muss nach 20 Jahren mit dem Reisen aufhören, zumindest in der Form, in der ich immer unterwegs war. Stattdessen will ich mehr Zeit mit meinen Lieben und meiner nächsten Freundin verbringen, anstatt sie monatelang alleine zu Hause zu lassen, weil sie wahrscheinlich nicht so einfach mitkommen werden wird. Das wird schwierig für mich, aber es reicht mir, Erinnerungen alleine zu sammeln. Urlaub in Kroatien ist auch fein. Einfach in einem kleinen Ort abhängen und auf das Meer schauen. Die Abenteuerreisen möchte ich jetzt vorerst für eine Zeitlang auf den Nagel hängen, von denen hatte ich schon genug.
  3. Ich muss einige Dinge aufgeben, mit denen ich aufgewachsen bin und die ich gerne mache, weil sie zu zeitaufwändig sind und es fast unmöglich machen, dass jemand an meinem Leben teilnimmt. Hier ist eine Liste der Dinge, die ich gerne habe (ich versuche, über diese Dinge auf dem Laufenden zu bleiben oder sie mehr oder weniger häufig zu tun):
    • Sprachwissenschaft, Sprachen und Kulturen;
    • Neue Technologien;
    • Sport: Mountainbike und Rennrad fahren, Wing Chun (seit 6 Jahren trainiere ich, aber a) 3 bis 5 mal wöchentlich zu trainieren ist einfach zu viel und b) sehe ich momentan keine Fortschritte, weil ich zu unflexibel bin. Ich habe beschlossen, es vorerst an den Nagel zu hängen), Snowboarden (wenn ich nicht im Winter unterwegs oder pleite bin), Fitnessstudio (nicht mehr, ist zu zeitaufwändig, alleine ist das außerdem auch kein Spaß), Yoga (weil ich zu steif bin, aber auch zu zeitaufwändig, und auch alleine);
    • Reisen;
    • Musik: Drum&Bass (ich war einfach auf zu vielen Partys in meinem Leben und gehe ja immer noch ein- oder zweimal im Jahr, wenn Claus irgendwo auflegt), ausgehen und tanzen;
    • Freunde treffen, Scheiße reden, ab und zu zu viel Bier trinken;
    • Schreiben (Postkarten, Briefe und persönlich zugeschnittene Lebensgeschichten für Menschen, die ich mag / liebe);
    • Sex natürlich (gebe ich nicht auf, noch nicht … lol);
    • und noch viele Dinge mehr.
      Das ist zu viel, ich kann das Tempo nicht mehr halten. Ich werde alt und muss mich von Zeit zu Zeit ausruhen und schlafen. Das ist wahrscheinlich in Ordnung, ich brauche nur etwas Zeit, um es endlich zu realisieren. Ich habe viel zu lange ignoriert, dass ich auch älter werde. Ich habe mich viel zu lange für jünger gehalten, als ich bin. Aber nein: Ich mag vielleicht jünger aussehen (höre ich immer wieder), aber ich bin nun 41. Ich muss mit meiner Energie haushalten.
  4. Ich möchte am Leben eines anderen Menschen teilnehmen, da dies wahrscheinlich viel einfacher ist, als jemanden zu finden, der sich für all die Dinge interessiert, die mich interessieren und die ich mache.
  5. Ich muss mich auf das konzentrieren, was vor mir liegt.

Weißt du, es ist ja nicht so, dass ich Krebs hätte oder nach einem Unfall aus dem Koma erwacht und nun querschnittsgelähmt wäre. Ich war schon seit vielen Jahren nicht mehr körperlich krank, war seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr im Krankenstand. Ich bin körperlich top fit, behaupte ich jetzt mal.

Gleichzeitig geht es mir nicht gut. Psychisch. Noch vor ein paar Jahren hätte ich mit so etwas nicht gerechnet. Aber nun stecke ich da irgendwo drinnen und tu mir schwer, da wieder raus zu kommen. Das ist schwer in Worte zu fassen. Man kann da kein Skalpell an irgendeiner Stelle der Psyche ansetzen und etwas operieren. Man kann die Wunden, die ich mir selbst oder die mir andere zugefügt haben, nicht so einfach heilen. Ich wünschte, ich könnte schnell ein paar Veränderungen durchführen und schon ginge es mir besser, aber so einfach ist das nicht. Ich weiß nicht wo ich anfangen soll und wie. Bei mir? Beim Job? Familie? Meiner Mom? Studium? Ich sehe vor lauter Wald die Bäume nicht mehr. Ich weiß nicht, wo ich mir Hilfe holen soll und wie. Was soll ich sagen und wem? Was brauche ich nun konkret? Wie soll es mit mir weiter gehen?

Ich habe nach der Trennung mit meiner vorherigen Freundin mit Psychopharmaka angefangen, weil mich schon damals die Trennung so mitgenommen hat. Die Psychopharmaka habe ich nun endgültig letztes Jahr in Asien abgesetzt. Nach 3 Jahren. Heute quellen all die Gefühle, die jahrelang in mir verschlossen waren, aus mir heraus. Damit umzugehen ist manchmal nicht einfach. Mann weint ja nicht. Dabei lache ich gerne, habe gerne Spaß, bin gerne aktiv und munter. Aber … manchmal komme ich aus mir nicht heraus und weiß nicht wohin. Es fällt mir zur Zeit alles so schwer und sinnlos zu sein.

Was ich mir zur Zeit am meisten wünsche ist Stabilität. Ich möchte aufstehen, einer Beschäftigung nachgehen, dafür ein Gehalt bekommen und wieder nach Hause gehen. Davon befinde ich mich zur Zeit Lichtjahre entfernt. Hahaha.

Irgendwann 2020 wird hoffentlich alles wieder gut. Und wenn nicht, dann 2021. Oder 2022. Oder … LOL

So, aus … ich denke, dass nun der Schlussstrich unter 2019 war. Mal schauen, was 2020 mit sich bringt.

Liebe Grüße

Wie fühlte sich mein Burnout an?

Stelle dir vor, dein Leben ist eine (hoffentlich) lange Wanderung. Zu Beginn hilft man dir noch viel um auf die eigenen Füße zu kommen; du lernst dich auf den Straßen, Wegen und Pfaden zu bewegen; vielleicht holst du dir dabei mal da und dort einen blauen Fleck, was aber nicht weiter schlimm ist, denn du bist noch jung und steckst diese ganz locker weg; doch irgendwann bist du auf dem Weg durch das Leben auf dich alleine gestellt. Im Laufe des Lebens sammelst du Wissen und Erfahrung, und gehst mal dahin, mal dorthin. Du bist voller Energie und Elan, du könntest täglich Bäume ausreisen. Die Wege, auf denen du dich bewegst, sind breit und bequem, und es gibt auf diesen kaum einen Verkehr und wenn doch, dann schlängelst du dich gekonnt an den Hindernissen vorbei.

An irgendeinem Punk in deinem Leben hast du dir aber so viel vorgenommen, dass die Spaziergänge und Wanderungen immer länger und die Erholungszeiten immer kürzer werden. Doch du blickst zurück auf dein Leben und denkst dir, dass ja früher alles immer so einfach gegangen ist und fragst dich, warum es denn jetzt anders sein sollte. Also marschierst du brav weiter: in deinen Job, in den Garten, auf deine Reisen, zum Sonntagsbrunch, zu Freunden, auf eine Party, zum Familienessen, zum Shoppen, in den Baumarkt – unaufhörlich bist du unterwegs.

Irgendwann bist du schließlich so lange unterwegs, dass du langsam müde wirst. Du merkst es kaum, denn diese Erfahrung hast du noch nicht gemacht. Du bleibst auch nicht stehen um eine Pause zu machen, sondern läufst weiter und weiter. Du hast vielleicht eine Reihe an Verpflichtungen am Hals, die du erledigen musst, und zum Ausgleich halst du dir in deiner Freizeit noch etliche weitere Verpflichtungen auf, da du ja in deiner Freizeit unbedingt aktiv sein magst.

Am Anfang bist du noch mit viel Schwung unterwegs, zusehends aber immer verbissener und verbissener, ohne den Grund für diese Verbissenheit oder Anstrengung zu wissen. Ohne es zu merken kommst du vom Weg ab. Zwar kommst du immer wieder zu deinen Zielen – dem Job, dem Garten, den Reisen und den vielen anderen Dingen – aber die Wege scheinen sich nun unfassbar in die Länge zu ziehen, die Gänge scheinen dir immer anstrengender zu werden. Der früher breite und bequeme Weg wird unmerkbar schmäler und unbequemer, die ersten Hindernisse liegen auf dem Weg.

Die gewohnt malerische Umgebung ändert sich, der Untergrund wird nun holpriger, dir fällt es aber nicht auf, du hast lediglich deine Verpflichtungen und Ziele vor den Augen, von denen du dir einredest, diese wären zu erreichen, wären lebenswert, wären das, was dich als Mensch ausmacht.

Da du Scheuklappen auf den Augen hast merkst du nicht, dass sich nicht nur die Umgebung und der Untergrund ändern, es ändert sich auch langsam das Wetter. Zwar scheint noch die Sonne, aber in der Ferne sind schon dunkle Wolken zu sehen. Bald fängt es an zu regnen, deine Kleidung und deine Schuhe sind durchnässt, ein Halt wäre ratsam, um mal etwas zu essen und zu trinken, und vielleicht mal ein wenig zu ruhen, um in dich hinein zu spüren, wie viel Energie denn eigentlich noch da ist. Es wäre gut, nachzusehen, ob du noch immer am richtigen Weg bist und ob die Ziele, von denen du denkst, sie wären für dich so wichtig, wirklich das sind, was du nun brauchst. Doch du denkst dir: Für so etwas habe ich gerade keine Zeit. Ich muss noch weiter, ich habe noch viel vor, das geht sich schon alles gut aus, alles kein Problem.

Inzwischen bist du beim Abgehen deiner täglichen und so selbstverständlichen Zwischenstationen sehr weit von allem und allen unterwegs und irrst nur noch herum. Du bewegst dich erschöpft im unwegsamen Gelände, die Umgebung ist dir gar nicht mehr vertraut, dichter Regen nimmt dir nun auch noch die Sicht. Ständig steigst du über ein Hindernis, das du vor einem Augenblick noch nicht gesehen hast. Du weißt nicht mehr, wo du einen Halt finden könntest oder wer dir helfen könnte, wieder auf den richtigen Weg zurück zu finden. Als dir auch noch die Energieriegel und das Wasser ausgehen, hörst du auf klar zu denken und schlägst um dich wild herum. Du triffst dabei irgendetwas, du hörst noch ein klirren, aber du weißt nicht was du getroffen hast. Um dich ist es dunkel und alles dreht sich. Schließlich kommst du vor lauter Erschöpfung gezwungenermaßen endlich zu deiner Ruhe. Du legst dich hin und machst ein Nickerchen.

Ich 2014 mit dem Roller in Vietnam unterwegs. An diesem Tag habe ich für 80 km ganze 18 Stunden am Roller verbracht, oft – wie hier – weit abseits jeglicher Touristenpfade und Zivilisation. Ich hab’s mir vorher einfacher vorgestellt.

Als du Monate später aufwachst, findest du dich Mitten im Nirgendwo wieder. Du weißt nicht, wo du bist und wohin du nun gehen sollst. Du bist ständig müde und magst eigentlich nur schlafen, da du dich ziemlich erschlagen fühlst. Du hast auf gar nichts mehr Lust. Weder auf körperliche noch auf geistige Aktivitäten. Du schaffst es gerade mal zum Supermarkt. Der Weg zum Supermarkt um die Ecke scheint dir eine Weltreise zu sein. Im Supermarkt selbst kaufst du dir einen Vorrat an Zwieback und Sojadrinks, da du überhaupt keinen Appetit mehr hast. Nach einer Woche wiegst du 5 kg weniger. Eigentlich gar keine so schlechte Diät, wärst du nicht ohnehin schon untergewichtig.

Du triffst Entscheidungen, ohne zu wissen, ob sie die richtigen sind. Du gehst in eine Richtung, ohne zu wissen, was dich dort erwartet. Du weißt nicht, wie du auf den Weg, den du vor langer Zeit verlassen hast, wieder kommen sollst. Du hörst aus der Ferne unterschiedliche Ratschläge aber du weißt, dass du auf diesen Weg alleine kommen musst, dass dir dabei niemand helfen werden kann. Manchmal kommst du in eine Sackgasse und musst den anstrengenden Weg wieder zurück nehmen.

Irgendwann kehrt der Appetit zurück und du setzt dich langsam in Bewegung, um wieder einem geregelten Alltag nachzugehen. Doch alles geht nun viel langsamer voran als früher. Dir fehlt die Kraft und ein klarer Verstand. Dort und da erholst du dich ein wenig, kannst ein wenig Kraft tanken, aber du gehst nun immer auf Reserve. Du bräuchtest eigentlich eine richtige Auszeit, ordentlich Ressourcen, damit du dich mit Energie volltanken kannst. Du müsstest mal so richtig abschalten und dir Zeit nur für dich nehmen, ohne an morgen zu denken, ohne ständig mit Sorgen über die Zukunft konfrontiert zu sein. Aber so einfach ist das nicht. Diese Ressourcen hast du vielleicht nicht. Also drehst du alles ab was dir Kraft raubt, was für dich anstrengend sein könnte und machst nur noch das absolut Nötigste. Das, was du mehr oder weniger zum überleben brauchst. Du isst, um zu arbeiten und arbeitest, um essen zu können. Für mehr hast du eigentlich keine Kraft, alles weitere, was du aber dringen bräuchtest, kommt vermutlich viel zu kurz.

Mit der Zeit nimmst du den Scherbenhaufen wahr, denn du vor deinem Zusammenbruch angerichtet hast. Manches wird dir langsam klar, du verstehst vielleicht, warum es so weit gekommen ist, doch du weißt auch, dass du diesen Scherbenhaufen, den du angerichtet hast, nie wieder zusammen flicken werden kannst. Du wirst zu deinem früheren Leben nie wieder zurück kehren, dafür ist der Schaden viel zu groß. Manchmal stürzt dich das in ein tiefes dunkles Loch, dass dir wieder all deine Energie raubt.

Monate vergehen, vielleicht sogar Jahre, bis du irgendwann wieder genug Kraft geschöpft hast, um aufrecht durch das Leben zu gehen. Bis dahin kämpfst du täglich. Mit dir selbst.

Halbmarathon?

Gute Vorbereitung ist wichtig …

Man kann sich auf einen (Halb)Marathon monatelang vorbereiten, in dem man zum Beispiel …

  • drei bis vier mal in der Woche unterschiedlich intensiv trainiert, sprich: Langdistanzen ab 10 km „langsam“ und Kurzdistanzen unter 10 km „schnell“ läuft, dabei immer wieder ein Intervaltraining, also einen Lauf mit abwechselnd langsamen und schnellen Phasen, absolviert sowie regelmäßig auf unterschiedlichem Grund, neben Asphalt also auch auf unbefestigten Wegen, weichen Waldpfaden, sandigen Stränden (die es in Chiang Mai nicht gibt aber egal …) und mehr, und unterschiedlicher Steigung läuft;
  • die Bauch- und Rückenmuskulatur durch gezielte Kraftübungen aufbaut, um den Rumpf zu stabilisieren und so die Wirbelsäule zu schützen;
  • regelmäßig dehnt;
  • auf die Ernährung achtet, sprich: ausgewogen isst, und auf Süßigkeiten und Softdrinks verzichtet;
  • Alkohol zu trinken aufhört (es sind bei mir übrigens schon über zwei Monate, die ich nichts getrunken habe);
  • auch auf Ruhephasen nicht vergisst und sich vor dem Wettrennen halbwegs schont.
Lauf um das Huay Tueng Thao Reservoir im Norden von Chiang Mai

… aber …

Wenige Stunden vor dem Lauf spielen auch noch Faktoren mit, die man vorher vielleicht nicht bedacht hat, auf die man allerdings keinen Einfluss nehmen kann, die aber letztlich darüber entscheiden, ob „es“ etwas wird oder nicht.

Ich habe in der Nacht vom Freitag auf den Samstag ziemlich schlecht geschlafen, womit der Tag vor dem Rennen für mich schon ungut begann. Danach habe ich mein Laufshirt und meine Startnummer beim Start-/Ziel-Punkt im “700th Anniversary Chiang Mai Sport Complex”, einem im Norden der Stadt gelegenen riesigen Sportkomplex zum 700. Geburtstag der Stadt, abgeholt und bin dann mit dem Roller die Strecke des Halbmarathons abgefahren, da diese in der Zwischenzeit ausgeschildert war. Vom Norden des Sportkomplexes sollte es zunächst einmal sehr flach 8 km südlich Richtung Zentrum gehen, dann aber weiter nach Osten durch den Campus der Universität von Chiang Mai und durch den Chiang Mai Zoo, bevor es dann wieder jene 8 km flach zurück ginge. Der Campus und der Zoo liegen am Fuße des Bergs Suthep am östlichen Ende der Stadt und die Strecke wäre hier zum Teil so steil, dass ein Laufen für mich nicht in Frage käme. So hat mich die Motivation verlassen, denn mir war klar, dass sich somit eine Zeit unter 2 Stunden nicht ausgehen würde.

Gegen Mittag bin ich dann nach Hause gefahren und habe versucht, die restlichen 17 Stunden bis zum Lauf zu ruhen und den fehlenden Schlaf nachzuholen. Das ist mir allerdings nicht gelungen, denn die Stunden vergingen und es wurde immer später, ohne dass ich ein Auge zugedrückt hätte. Ich wurde immer unruhiger und unmotivierter, und um drei Uhr in der Früh, als ich dann zum unzähligen Male aus dem Bett gekrochen und mich auch geduscht habe, um dann zum Rennen aufzubrechen, da hatte ich bereits ziemliche Kopfschmerzen, war hundemüde und verspürte keine Lust mehr zum Rennen zu fahren. Also legte ich mich um 4 Uhr in der Früh schließlich ins Bett und verzichtete auf den Halbmarathon.

Es müssen nicht immer Kohlenhydrate sein. Hier: Salat aus grüner Papaya, Tomaten, Kraut und Erdnüssen mit einem scharf-säuerlichen Dressing, dazu gegrillter Fisch

Wenn es nicht sein soll, dann soll es einfach nicht sein

Müdigkeit und die morgendlichen Temperaturen von 10 Grad spielten ebenfalls eine Rolle. Und schließlich drehte sich mir der Kopf über den bevorstehenden nächsten Tag, denn ohne Schlaf ein Rennen um 5 Uhr in der Früh zu beginnen, irgendwann nach 7 Uhr zu beenden, dann nach Hause zu fahren und vor 12 Uhr mittags aus meinem Zimmer ausziehen schien mir ein allzu großer Kraftakt zu sein, auf den ich absolut keine Lust hatte. Manchmal kommt es eben anders als man denkt.

Ganz wichtig: Nassrasierter Schädl und aerodynamischer Gesichtsspoiler. Kann die Zeit wesentlich beeinflussen … 🤣👍

Akzeptieren

Man muss die Dinge so akzeptieren wie sie sind – sagt ein guter Freund immer. Mir war es im Moment vor dem Rennen wichtiger für meine Rückreise nach Wien ausgeschlafen zu sein, statt mich unausgeschlafen und unmotiviert durch ein Rennen zu quälen, und so Raubbau an meinem Körper zu betreiben. Ja, ich habe mich auf das Rennen wochenlang vorbereitet und gefreut. Ja, ich habe mir in den letzen Minuten, bevor es zum Rennen gehen hätte sollen, den Kopf zermartert um herauszufinden, was ich denn will und ob ich den Halbmarathon nicht doch schon laufen sollte. Ja, ich war traurig. Das Rennen hat aber für mich aufgrund der oben genannten Faktoren an Bedeutung und Sinnhaftigkeit verloren. Aber die Entscheidung war die Richtige, zu akzeptieren, dass man manchmal Dinge aufgeben muss, ist wesentlich mehr wert.

Körperfettanteil: relativ niedrig zur Zeit

Und jetzt?

Man, wie ich Laufen hasse. Es geht mir so richtig auf den Sack. Es ist mühsam, es tut sich wenig, man kommt in einer Stunde lediglich 10 km weit und will man einen Halbmarathon unter zwei Stunden laufen, dann bedeutet das eine Menge an Training. Es geht mir am Nerv. Ich habe mir vorgenommen, den Halbmarathon in längstens 1:59:59 zu laufen und das Laufen dann auf den Nagen zu hängen. Ziel wäre erreicht gewesen, warum sich dann also weiter quälen?!

Nun wird es wohl ein anderer Halbmarathon, vielleicht jener in der Wachau, werden müssen. Mann und Frau darf gespannt sein. Hahaha …

😅👍

Und dazwischen halt Kräftigungs-, Ausgleichs- und Dehnungsübungen

Ein Text aus vergangenen Tagen

2015 schickte ich ihm Rahmen von FM4 Wortlaut meine Kurzgeschickte zum Thema „Wild“ ein. In die engere Auswahl kam ich leider nicht, der Text ist dennoch geblieben.

Heute, einige Jahre später, scheint sich meine Einstellung auch zu diesem für mich sehr emotionalen und im Text behandelten Thema zu ändern, und so frage ich mich mit meinen 41 Jahren, wohin ich mich denn nun hinverändere. Felsenfeste Überzeugungen fangen langsam an zu bröckeln, Einstellungen wenden sich um 180 Grad, früher so Wichtiges verliert heute an Bedeutung, und ohne mein Zutun prasseln unaufhörlich völlig neue Vorstellungen vom Leben und Sein auf mich ein. Wohin mag ich denn gehen? Und wie? Und mit wem überhaupt? Und wer will sich das mit mir überhaupt antun?

Äußerlich, so scheint mir, werde ich unmerklich älter und je länger mich die Menschen kennen, umso weniger ist diese Veränderung sichtbar. Innerlich, da bin ich heute ein anderer Mensch. Alte Freunde und neue Menschen in meinem Leben sehen mich vermutlich in einem völlig unterschiedlichen Licht.

Wer ich heute bin, weiß ich selbst nicht. Ich sehe deutlich, wer ich einmal war und weiß, dass ich mich in einer Phase des Übergangs befinde. Doch wo ich nach diesem Übergang sein werde ist für mich noch nicht zu sehen. Das macht mir manchmal Angst, ich bin unsicher und verwirrt, und Entscheidungen zu treffen fällt mir nicht einfach. Alles scheint mir hinter einer Nebelwand zu verschwinden. Die Frage danach, was ich denn möchte, was ich denn brauche, treibt mir Schweiß auf die Stirn, denn um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht.

Der Text von damals …

Wild – das war mal

Die Sonne geht allmählich unter und wirft immer längere Schatten, die an uns teilnahmslos vorbeiziehen, während wir stumpf in die Leere starren, mit unseren Gedanken beschäftigt und jenen des anderen. Kälte kriecht unsere Nacken herab, den Rücken hinunter, macht sich um unsere Herzen breit. Kalt sind wir beide in den letzten Monaten geworden und kalt fühlt sich das trostlose Gespräch an, dass wir seit Stunden nicht fähig sind zu führen.

„Ich möchte Kinder haben. Und eine Familie gründe. Und ich denke, dass das Leben wunderbar ist, dass nicht alles so negativ ist, wie du es immer siehst!“, sagt sie.

Meine Gedankengebäude fangen langsam an zu zerfallen, Träume verschwinden hinter einer dichten Wolke der Ratlosigkeit und Hoffnungen gehen verloren. Angst macht sich in mir breit. Angst, vor einer ungewollten Zukunft, vor untragbaren Lasten, unerträglichen Pflichten und einer Verantwortung, die mein restliches Sein bestimmen soll.

Ich denke über meine Kindheit nach, als meine Eltern mit nichts außer ihren Kindern in dieses Land kamen. Eine fröhliche Kindheit war das, in der die Zeit still zu stehen schien. Wild und unaufhaltsam war ich da, und glücklich mit all den kleinen Abenteuern. In den Weinbergen, in den Bächen, in den Wäldern. Beim Seifenkistenrennen, Baumhaus- oder Schneehöhlenbauen. Mit Schrammen und zerrissenen Hosen kam ich glücklich nach Hause, setzte mich zu meiner Tasse Kakao oder legte mich in die Arme unserer Eltern. Und mehr als am Ende des Tages einen Maulwurf in der Wiese gefangen und wieder frei gelassen, ein Versteck in einer Baumkrone gefunden oder unter dem Wohnzimmertisch ein Deckenhaus gebaut zu haben hat es zum Glücklichsein nicht gebraucht. Unbekümmert war ich da, ohne zu wissen, dass es auf dieser Welt mehr als nur kindliche Abenteuer gibt.

Arbeit und Rechnungen und Einkäufe und Reparaturen. Immer häufiger werdende Arztbesuche und Kontoauszüge, die mit roten Zahlen überquellen. Behördenwege, und Krankenkassenan- und abmeldungen. Private Pensionsvorsorgen und …

„Du warst so lebendig, lebensfroh und lustig, als ich dich kennen gelernt habe.“
„Ich bin noch immer lebendig, lebensfroh und lustig. Nur möchte ich eben keine Kinder haben. Ich sehe einfach keinen Grund, ein Kind haben zu müssen. Ich bin zufrieden. Zufrieden mit dem Bisschen, das ich habe und dem Vielen, das ich nicht habe.“

… Deadlines und Waschtage und Einkäufe. Wie viel Kraft und Zeit das alles in Anspruch nimmt. Die vielen Stunden vor dem Spiegel beim Rasieren; die zermürbenden Einkäufe eines passenden Hemdes, um angemessen im Büro zu erscheinen; die Fahrten in übervollen öffentlichen Verkehrsmitteln zu überfüllten Einkaufsmärkten. Das alles scheint mir so fremd, so unwirklich zu sein.

„Ich möchte ankommen, ich möchte mir in dieser Stadt etwas aufbauen, ich möchte nicht mehr von einem Ort zum nächsten reisen und immer auf der Suche nach einem Abenteuer sein.“
„Ich will aber nicht stehen bleiben, in monotonen Abläufen untergehen, langsam vor mich dahin sterben. Ich will die Kontrolle über mein Leben nicht völlig verlieren. Schon jetzt muss ich mich fügen, unterordnen, anpassen. Andere bestimmen, was ich wie zu tun habe. Was meine Pflichten und Rechte sind. Mit einem Kind werden es nicht weniger, es werden mehr und sie werden mich erdrücken.“

Mit unserem Starren versuchen wir die hineinbrechende Dämmerung zurück zu drängen und die Zeit anzuhalten, um keinen Gedanken an gestern oder morgen verlieren zu müssen.

Meine Jugend geht mir durch den Kopf, als ich mich vorsichtig aber ungestüm hinaus in die große Welt wagte und meine ersten selbstständigen Schritte am Parkett des Lebens machte. Heimlich habe ich mit Kameraden Zigaretten am Schulhof geraucht und mit ihnen den Mädchen aus den höheren Klassen nachgeschaut. Auf Parkbänken haben wir Bier getrunken, uns anschließend in den Büschen übergeben und dabei an Mädchen aus den höheren Klassen gedacht. Das erste Händchenhalten und der erste Kuss fallen mir ein, dabei noch immer den Mädchen aus den höheren Klassen hinterher schauend. Denen mit Brüsten. Und langen Beinen. Denen, die sich erwachsener gaben, als sie tatsächlich waren. Zu Freunden ging ich über Nacht schlafen, weil ich so einfacher in die erste Disco oder in einen Club kommen konnte, wo wir Kassetten mit Musik getauscht, unsere ersten Joints geraucht und den Mädchen aus unbekannten Klassen nachgeschaut haben. Vor Freude bin ich in solchen Nächten nach Hause gelaufen, das Herz ist mir wild in der Brust gesprungen, es war frei, war unbekümmert. Hat nicht an gestern und auch nicht an morgen gedacht. War einfach nur da.

„Benny und Cori, Irene und Andi, Matthias und Sabine, Renate und Jonnie – alle haben sie Kinder. Die meisten deiner Freunde haben welche. Wer von deinen Freunden hat eigentlich keine Kinder?“

Ein träger Seufzer entfährt meiner Brust, während ich in meinem Schoß lustlos die Finger verschränke, den Blick ins Unbestimmte gerichtet, wo ich die Lösung meiner nicht vorhandenen Probleme zu finden versuche.

Dort in der Ferne offenbart sich mir mein bisheriges Leben in Form spannender Bergbesteigungen. Ich sehe mich immer höhere, immer anmutigere Berge bezwingen. Die Mühe hat sich jedes Mal gelohnt. Die Sicht ist wunderbar – Hügel und Berge, und Schluchten und Täler wohin das Auge reicht. In der Ferne vor mir, da türmt sich auch schon der nächste Berg auf. Da will ich nun hin. Das ist mein weiteres Ziel. Dort will ich ankommen, um zurück, aber auch weiter nach vorne zu blicken. Ich habe noch Kraft, gehe los, aber im selben Moment drückt mich etwas zu Boden. Es ist die Zukunft. Die Zukunft mit einer Frau, Kindern, Freunden, meiner Familie, der unüberwindbaren Hassbeziehung mit der Gesellschaft. Arbeit, Verpflichtungen und Sorgen erdrücken mich. Am Boden, auf Händen und Füßen langsam dahinkrabbelnd, geht es dann los. Aber der Berg ist nun von unten betrachtet um einiges größer geworden. Ich krabble und krabble und krabble, aber der Berg kommt nicht näher. Du verfluchtes Stück Gestein! Jetzt bewege dich wenigstens um einen Meter! Der Himmel zieht zu, düstere Wolken versperren mir nun auch noch die Sicht, der Weg scheint sich vor meiner Nase zu verlieren.

„Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich genug Kraft für eine Familie habe. Ich brauche Kraft. Und Raum. Um meinen nicht erfüllten Träumen, Wünschen und Begierden hinterher zu trauern. Ich kann mich so schwer von ihnen lösen. Den unerfüllten Reisen in unbekannte Länder; den Großstadtabenteuern, die in verlassenen Parks, verrauchten Bars, verlorenen Badeseen lauern; den beruflichen Möglichkeiten, die mir eine nach der anderen wie Sand durch die Finger rinnen. Muss ich nun auch die Träume, Hoffnungen und Wünsche aufgeben?“

Der Abend bricht über uns herein. Ich stehe auf, spaziere durch das Zimmer auf den Balkon, lehne mich am Geländer an und richte meinen Blick in das Dunkle der Linde vor unserem Haus. Das Dunkle zieht mich an, zieht mich in sich, verschlingt mich. Aus der Zeit nach den schüchternen Jugendjahren flimmern Momente vor meinen Augen. Ein Sprung von einer Klippe, von einer Brücke, aus einem Flugzeug. Ich sehe mich auf einer Seilrutsche über eine Schlucht dahingleiten, unter mir ein breiter, kristallklarer Fluss; auf einem Firngrat mit einem Snowboard stehen, der Sonne in das stille Tal hinterher schauend, im nächsten Augenblick eine weite Spur im Pulverschnee ziehen; auf einem Bike den Berg hinunterpreschen, mit Vollvisierhelm, Brustpanzer und Nackenschutz. Ich wache in einem Krankenhaus auf, die Hand ist gebrochen, doch das gehört dazu. Ich sehe mich eine Welle verfolgen, sie bricht über mir, aber ich lasse mich nicht fangen. Ich nicht. Nein, ich bestimmt nicht. Das schmale Brett unter mir und ich sind schneller. Wir gleiten hindurch, auf der einen Seite türmen sich Wassermassen steil nach oben, während sie auf der anderen mit imposantem Getöse einbrechen. Mit den Händen kann ich den Überschlag berühren. Ich höre laute Musik in einem Club, die Sinne sind ganz auf alle Eindrücke gerichtet, die Augen nehmen den Druck der Lautsprecher wahr, die Ohren die Intensität der Scheinwerfer, der ganze Körper vibriert. Eine viel zu schnelle Autofahrt durch die Stadt blitzt vor meinen Augen als nächstes auf, rasant und unbekümmert, als gebe es keinen Morgen. Nackte Frauen unterschiedlicher Klassen gehen mir durch den Kopf und wilder Sex. Ich bin glücklich. Ich bin frei. Und ich bin wild.

Dunkel starrt mich die Linde an. Ich drehe mich um, kehre ihr den Rücken zu, um nicht mehr an vergangene Tage erinnert zu werden. Ich gehe ins Bad, stütze mich mit den Händen am Waschbecken ab, lasse den Kopf hängen.

„Was willst du eigentlich? Was erwartest du dir noch vom Leben? Wohin zieht es dich? Warum die Unruhe, die ständige Bewegung? Wie ein herrenloser Hund streunst du durch das Leben, immer auf der Suche. Nach was? Sag es mir“, höre ich aus dem Wohnzimmer.

Ich hebe den Kopf und blicke in den Spiegel über dem Waschbecken. Alt ist es geworden, mein Gesicht. Die Sorgenfalten hinterlassen die ersten tiefen Furchen, die Augenringe werden trotz genügend Schlaf nicht kleiner, die Krähenfüße fangen langsam an mein tatsächliches Alter zu verraten, obwohl ich mich immer gerne jünger gegeben habe. Dicht vor dem Spiegel blicke ich in meine Augen hinein, welche mir immer so lebendig vorgekommen sind. Sie brannten vor Abenteuerlust, doch das Feuer ist schon vor langer Zeit heruntergebrannt. Übrig geblieben sind zwei dunkle Kreise, die an vergessene Feuerstellen erinnern. Ich sehe die Zukunft, die nichts Neues mehr bringen wird.

Sie umarmt mich von hinten, legt ihr Kinn auf meine Schulter, beide sehen wir im Spiegel durch uns hindurch.

„Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was ich will. Es ist nicht einfach, alt zu werden und das Abenteuer an den Nagel zu hängen. Nicht für mich.“

Wir gehen ins Bett, machen die Lampe aus, umarmt liegen wir da. Das Schweigen drückt auf unser Gemüt, lange liegen wir mit offenen Augen da, sehen uns an, aber sagen kein Wort.

„Du musst das Älterwerden nicht fürchten. Du machst doch ohnehin was du willst, wild wie du immer noch bist.“
„Nein, das alles ist schon lange vorbei“, flüstere ich in die Nacht. „Wild – das war mal.“

Reisen – wann ist für mich Schluss damit?

Die ersten Reisen

1999 wagte ich mich das erste Mal alleine in die große weite Welt. Mit einem Interrail-Ticket fuhr ich durch halb Europa, sah mir vor allem ein wenig Frankreich und Spanien an, und schaffte es sogar nach Marokko, wo ich mir in Rabat eine Lebensmittelvergiftung holte.

Auf der Fähre von Spanien nach Marocco, 1999

Mit gerade einmal zwanzig Jahren auf dem Buckel hielten mich aber der ständige Durchfall und die Magenkrämpfe nicht davon ab, von Rabat mit dem Zug und einer Fähre zurück nach Europa zu gondeln, und mich von hier wieder mit Zug und einer Fähre bei ständigem Lauf zur Toilette nach London zu quälen. In London hielt ich es bis am nächsten Morgen aus, dann rief ich meine beste Freundin an und bat sie mich irgendwo abzuholen. Mein Geld reichte zu jenem Zeitpunkt gerade einmal für ein Flugticket nach München. Den Flug selbst – meinen ersten übrigens – verbrachte ich überwiegend in einer kleinen fensterlosen Box. Von München aus nahm ich die Bahn Richtung Wien, meine beste Freundin kam mir entgegen und wir trafen uns in Salzburg. Die gesamte Fahrt lief ich permanent auf die Toilette, denn auch da lief alles, das ich zu mir nahm, durch mich hindurch. In Wien holten uns meine Mom und meine Schwester ab und es ging gleich weiter ins Tropeninstitut irgendeines Krankenhauses, wo man mir Breitbandantibiotika gab. Schon nach der ersten Tablette spürte ich die Wirkung, denn es machte sich eine wohlige Erleichterung in meinem Darm breit.

Einkaufsstraße in Rabatt, 1999

Auf dieser Reise sah ich neue Länder, traf neue Menschen, kämpfte mit mir selbst und verlor an die 7 kg an Gewicht innerhalb einer Woche, denn ich wollte nicht aufgeben, mein hart erarbeitetes Geld für das Interrail-Ticket flöten sehen, aber mich im Ausland zum Arzt zu gehen traute ich mich nicht, da ich weder eine Auslandsversicherung hatte, noch wusste, wie ich dies anstellen sollte. Was für ein gelungenes erstes Abenteuer für einen damals sehr jungen Erwachsenen, der die Welt entdecken wollte.

Nach der Rückkehr aus Marocco am Strand von Tarifa beim Warten auf den Nachtzug. Machte natürlich voll Sinn sich mit Durchfall bei Affenhitze auch noch auf den Strand zu knallen. LOL

Seit damals sind viele Jahre ins Land gezogen. Ich bin quer durch Europa getrampt, habe auf den Stränden von Kroatien bis Portugal übernachtet, war mit meinem Bruder in Schweden ein bisschen wildcampen.

Trampen mit LKW
Übernachten auf einem Strand auf der Insel Mljet in Kroatien
Irgendwo in Schweden

Asien

Irgendwann machte ich es sehr guten Freunden nach und stieg endlich in ein Flugzeug Richtung Asien, wo ich nun bereits zum vierten Mal bin und insgesamt ein bisschen(!) in Kambodscha, Laos, Thailand und Vietnam unterwegs war. Die meiste Zeit war ich auf einem Roller unterwegs und bin mit diesem Kreuz und Quer auf Land oder ein paar Inseln gefahren, zum Teil war ich bis zu 32 Stunden mit dem Bus auf holprigen Straßen oder 3 Tage mit dem Zug unterwegs.

Fotosession mit Mönchen und ca. weiteren 100 Leuten, die Spaß daran hatten, dass ich auch keine Haare habe … LOL (Kambodscha 2014)
Flussüberquerung, rechts im Bild ich im Regenponcho neben vollbeladenem Roller (Vietnam 2014)
Blick vom Doi Inthanon, dem höchsten Berg Thailands (2016)
Mekong in Luang Prabang (Laos 2018)
Yeepeng, das Lichterfest, in der Nähe von Chiang Mai (Thailand 2019)

Es sind so viele Bilder entstanden und so viele Geschichten, ich wüsste nun gar nicht, wo ich denn zum erzählen anfangen soll. Aber …

Ein 20-jähriges Jubiläum aber: Was nun?

Nach so vielen Jahren des Reises bin ich nun tatsächlich – wer hätte das je von mir gedacht – ein wenig reisemüde geworden und habe so etwas wie Heimweh.

Mit knapp 41 ist es vielleicht mal an der Zeit endlich Ruhe mit dem ganzen Scheiß zu geben und irgendwo sesshaft zu werden. Hahaha …

Neue Länder, fremde Kulturen, wilde Sprachen, unvorstellbare Landschaften, eigenartiges Essen – ich möchte diese sehen und hören, spüren und schmecken! Was ich aber jetzt möchte, ist nach so vielen ausgiebigen Reisen einfach nur an einem Ort zu sein und mich auf einen schnöden Urlaub um die Ecke freuen.

Prioritäten ändern sich. Menschen ändern sich auch. Manche brauchen ein bisschen länger dafür. So wie ich. Vielleicht musste ich einfach für lange genug weg, um endlich zu erkennen, was ich denn direkt vor der Nase habe. Routine kann manchmal extrem lähmend, manchmal kann sie aber einfach auch befreiend sein.

Ich freue mich auf die wiederkehrenden Familientreffen, weil hier ständig viel gelacht und viel Unfug getrieben wird, aber auch ernste Gespräche geführt werden. Ich freue mich auf das Donnerstagsbier mit meinen Freunden, weil es nichts besseres gibt, als mit den besten Freunden ab und zu einfach nur den letzten geistigen Müll von sich zu geben. Ich freue mich Freunde in ihrem Forsthaus zu besuchen und zu wissen, dass ich da gut aufgehoben bin. Ich freue mich auf meine Kolleginnen und Kollegen, weil mir diese den Arbeitsalltag unfassbar bereichern. Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten gemeinsamen Urlaub, weil es da hoffentlich wieder die weltbesten Cevapcici geben wird. Und ich freue mich vor allem auf all die lieben Menschen, die Teil meines Lebens sind. Ich vermisse euch!

Wettlaufen

Als Kind ständig in Bewegung

Schon als Schüler habe ich mich gerne im Sport mit anderen gemessen. Beim Zirkeltraining war ich, da unfassbares Leichtgewicht gewesen, unschlagbar. Volleyball habe ich ebenfalls gern gespielt und mich dabei auch mal ins Zeug gelegt. Ansonsten war für mich als Jugendlichen das Radfahren der Sport der Wahl.

Radfahren ist mir bis heute als liebste Sport- aber auch Fortbewegungsart geblieben. Als Erwachsener war ich aber auch jahrelang in irgendwelchen Fitnessbuden pumpen (böse Zungen würden jetzt sagen, dass man davon ja gar nichts merkt, aber: ihr habt ja keine Ahnung, was für ein Spaghetti ich heute wohl ohne das Pumpen wäre … LOL), habe immer wieder mal Yoga gemacht oder so wie zur Zeit, allerdings wohl in Zukunft nicht mehr, Wing Chun trainiert. Ich mochte mich schon immer gerne bewegen und sei es, dass ich einfach auf einen Baum gekraxelt bin.

Der Vollständigkeithalber muss ich, was Bewegung anbelangt, zwei besonders fordernde Aktivitäten erwähnen: Einerseits das jahrelange Abtanzen auf irgendwelchen Partys. Dieses wird, was den Trainingseffekt und den Verbrauch an Kalorien betrifft, oft übersehen und massiv unterschätzt. Andererseits das berühmt-berüchtigte DoBi – das Donnerstagsbier. Das manchmal sehr kompetitive Krügelheben ist für die Anwesenden meist eine relativ einfache Übung, doch das nächtliche nach Hause Walken ist es das nicht mehr. Google meint, es sein vom Kent in der Brunnegasse zu mir nach Hause schlappe 4,1 Kilometer und ist der Ansicht, das sei in ungefähr 50 Minuten zu schaffen. Warum ich dann aber regelmäßig eine Ewigkeit nach Hause brauche und es sich am nächsten Tag so anfühlt, als wäre ich am Tag zuvor auf den Everest gestiegen, ist mir ein Rätsel. Nu, wenigstens bleibe ich top fit.

Sport auf Reisen

Auf langen Reisen ist das mit der regelmäßigen Bewegung aber manchmal gar nicht so einfach, zumal ich mich nicht permanent in Unkosten stürzen will: Fahrrad mieten hier, Tauchen dort, Surfen wieder wo anders. Weil ich unfassbar verkürzt bin und ich es ohnehin schon immer mochte habe ich hier mit einem Yoga-Kurs begonnen. Das Studio ist zwei Minuten von meiner Unterkunft entfernt und liegt am Weg zur Uni, die unbegrenzte Karte für einen Monat (7 Tage in der Woche, bis zu 5 Kurse am Tag, maximal 10 Teilnehmerinnen und Teilnehmer) kostet mich gerade mal € 60,—. Man gönnt sich ja sonst nichts. Und wirklich: Ich bin wirklich sehr sparsam hier. Die Yogalehrerin und die wenigen anderen Teilnehmerinnen sind sehr nett, und außerdem wird während dem Kurs auch viel gelacht, was ich ja sehr mag. Die Thais lachen sich nämlich krum, wenn sie den Farang (den Weißen von irgendwo) beim sich Herumbiegen zusehen. Was für ein Spaß.

Ansonsten kann man inzwischen so gut wie überall für relativ wenig Geld in einem Gym Gewichte schupfen, aber natürlich auch am Zimmer oder in irgendeinem Park gratis herumhampeln. Das ist ab und zu ja wirklich ganz nett, weil es hier in den zahlreichen Parks schon um 5:00 Uhr mit Sport los geht, im Vergleich zu Hanoi also nicht nur mit gemütlichen Bewegungseinheiten.

Laufen

Aber so richtig bewegen tut man sich in einem Gym ja auch nicht, zumal ja alles an einem Ort geschieht, und auch das Yoga findet an einem fixen Ort statt und besteht meist aus dem Verharren in unzähligen tierischen Positionen wie Hund, Hase, Schildkröte und was das Tierreich halt noch alles so hergibt. Daher fiel meine Wahl der Bewegungsart bei meinen letzen Reisen auf das Laufen – letztes Jahr sogar mit meinem ersten Halbmarathon in Lamphun, Thailand – und fiel auch dieses Jahr auf dieses.

Einer meiner besten Freunde ist ein Läufer. Der läuft mal am Wochenende gemütlich seine 30 Kilometer im Wienerwald herum und zuckt dabei wahrscheinlich nicht mal mit den Augen. Ich bin je nach Tagesverfassung schon nach 15 Kilometern mal mehr mal weniger völlig am Sand. Da ist es doch fein, wenn man sich vornimmt, im November 2019 mehr Kilometer zu laufen als dieser eine Freund.

Im Sommer, bei Schönwetter – ja da kann jeder schnell mal laufen. Aber im Winter? Im Winter, da laufen halt jene, die aus einem ganz anderen Holz geschnitzt sind. So wie ich halt.

Chiang Mai ist für seine strengen Winter bekannt. Die Leute hier reden langsam schon vom kommenden Winter und rüsten sich für diesen mit dünnen Jäckchen aus. Dort und da sieht man auch einen Straßenstand mit Mützen. Diese machen hier auch Sinn, zumal es Dank Klimaanlagen in den Cafés und Einkaufszentren um die 10 Grad Celsius hat. In der Bibliothek der Chiang Mai Universität ist es zum Beispiel so kalt, dass ich dort ohne lange Hose und Pullover nicht länger als eine Stunde aushalte. Dann gehe ich meistens nach draußen und versuche an der Sonne aufzutauen. Studierende sitzen hier in Decken eingehüllt, schütten aber dennoch eisgekühlten thailändischen Milchtee in sich hinein.

Dass es zu Hause in Wien wettermäßig immer übler wird und mein Freund neben einem 40-Stunden-Job, Kids und sonstigem Leben wahrscheinlich gar nicht weiß, wo, bis auf das Wochenende, er die Zeit zum Laufen nehmen soll, spielt hier gar keine Rolle. Es ist ja nicht so, dass ich hier den ganzen Tag nichts zu tun hätte. Außerdem bin ich schnell mal gearscht und für eine ganze Woche beschäftigt, wenn er mal einfach so 30 km an einem Tag laufen geht.

Und so glotze ich permanent auf Runtastic und lache mir einen weg, weil ich so unfassbar gut bin, quasi unschlagbar. Ich bin einfach der Beste. Von zwei. Na gut, von drei, fast hätte ich den zweiten Läuferfreund vergessen, aber den sehe ich einfach nicht als eine ebenbürtige Herausforderung, seine zweistelligen Kilometerzahlen sind ja fast schon lächerlich.

Ich sags euch: Es sind halt die Kleinigkeiten, die das Leben lebenswert machen. Zum Beispiel meinen Freund im Laufen zu schlagen und auf Runtastic am Monatsende erster zu sein. Verdient, wie ich finde. Aber nur im November, denn: In Wien laufen kann ja jeder.

😉

(Bussl, mein Lieber. Du bist einfach der bessere Läufer von uns. ☺️🙏 Was den Dezember betrifft: Ich gebe freiwillig auf, das war mir einfach zu hart … 😅)

Bedeutung, Sinn und Hoffnung

Ein Tag am Campus der Universität Chiang Mai

Unlängst war ich schon relativ zeitig in der Hauptbibliothek am größten Campus der Universität Chiang Mai, um mir wieder den Stoff meiner bevorstehenden Prüfung in den Kopf zu knallen. Ich lese den Stoff in den Skripten und markiere dabei wichtige Passagen sowie Definition, fasse dies alles dann irgendwann für mich in einem Heft zusammen und lerne im nächsten Schritt mit Hilfe von Karteikarten hunderte Fragen und die dazugehörigen Antworten auswendig. Das mache ich fast jeden Tag so. Je nach dem, ob ich noch eine Rude Laufen oder ins Yoga gehe sind es meist zwischen fünf und acht Stunden. Mit Pausen dazwischen. Natürlich. Sonst hält das ja niemand aus.

Meistens bin ich an einem Tischchen beim Fenster zu finden oder …
… gehe unzählige Male diesen Gang entlang, während ich irgendetwas auswendig lerne

In der Mittagspause ging ich hinaus um ein wenig auf dem Campus der Universität herumzuschlendern. Die Universität Chiang Mai ist die wichtigste Universität im Norden von Thailand und zählt knapp 40.000 Studierende. Der größte Campus, auf dem ich mich immer befinde, hat eine Fläche von knapp 3 Quadratkilometern, da kann man sich schon mal verirren.

Der Campus ist sehr weitläufig und grün, überall stehen Bäume, es gibt einen schönen See der zum Entspannen einlädt oder um den am Abend Jung und Alt seine Runden dreht. Die Gebäude – Direktionen, Verwaltungsgebäude, Institute, Studentenheime, Supermärkte, Bankinstitute und was auch immer da so an Gebäuden herumsteht – sind auf dem gesamten Gelände bunt verstreut, und so ist es hier bis auf die Hauptverkehrsadern relativ ruhig. Doch …

Hindernislauf

Manchmal sieht man am Campus der Universität von Chiang Mai körperlich behinderte Menschen. Sie sind alle in Begleitung, denn das Gelände ist alles andere als Barrierefrei. Treppen und noch mehr Stufen wohin das Auge reicht, desolate Gehsteige, unfassbar hohe Bordsteinkanten, Verkehr von allen Seiten, Hindernisse auf den Wegen, Bäume überall.

Geh- und Fahrradweg ins Nirgendwo
Fußgängerüberquerung
Slalom. Für Fußgänger und Radfahrer
Schranke, damit man nicht mit dem Roller durchkommt

Bedeutung

Beim Rückweg zur Bibliothek hatte ich dann ein ziemliches Tief. Mir fing an das Wörtchen „Bedeutung“ durch den Kopf zu gehen. Was ist denn von „Bedeutung“? Welches Tun hat „Bedeutung“? Wer hat (für mich) „Bedeutung“? Wie kann ich „Bedeutung“ durch mein Handeln, Denken, Fühlen schaffen?

Zurück in der Bibliothek ging ich am Weg zur Toilette – wie so oft in den letzen Wochen – an einer Reinigungsdame vorbei. Dort angekommen kamen mir dann die Tränen. Ich stand vor dem Pissoir, ließ meinen Strahl in die Muschel laufen, dachte an die Reinigungsdame, die vor der Toilette saß, und musste dabei heulen. Die Reinigungsdame geht alle 15 Minuten zum Reinigen einmal in die Toilette der Frauen und einmal in die Toilette der Männer. In der Zeit, in der sie die Toiletten nicht reinigt, sitzt sie oft mit dem Gesicht zur Wand und hört, so scheint es zumindest, vermutlich Musik.

Reinigungsdame
Herrentoilette
Reinigungsdame von da aus gesehen, wo ich meistens lerne

Den ganzen Tag saß sie da, reinigte immer wieder die Toiletten oder saß auf ihrem Stuhl. Wir alle gingen an ihr vorbei und sahen sie nicht. Sie war eigentlich nicht da. Vielleicht wollte auch sie uns nicht sehen und so drehte sie sich zur Wand hin. Sie tut, wofür sie vermutlich ein bisschen an Geld bekommt.

Sinn

Besonders hier sehe ich manchmal einem Kampf zu – dem Kampf zwischen Mensch und Natur, und Mensch mit anderen oder mit sich selbst. Ich frage mich, wo denn das Leben in diesem Kampf geblieben ist, wieviel Zeit denn bei diesem ständigen Kampf um das Überleben dem Leben als solchem bleibt.

Ich habe dann irgendwann doch wieder meinen Kopf über meine Bücher gehängt. Ich muss, das ist mein Imperativ des Lebens: Das unbedingt gültige Gebot die Prüfung zu bestehen.

Hoffnung

Mitte 2018 bestand der Großteil meiner täglichen Beschäftigung daraus, auswendig gelernte Kurzvorträge aufzusagen oder stundenlang die Tastenkombinationen Strg+c und Strg+v zu drücken. Irgendwann kam der Sommer, der mich körperlich Dank zusätzlich zum Job selbstauferlegter Gartenarbeit und dem Lernen für den Motorradführerschein unfassbar ausgelaugt hat. Es hat nicht lange gebraucht und ich fing an alles zu hinterfragen: Was mache ich denn da? Bin ich mit meinem Job, meiner Beziehung, mit mir selbst zufrieden? Ist das alles? Langsam aber sicher fing ich mich an zu verschließen, kam aus mir nicht mehr heraus, die Wörter fingen an für das zu fehlen, was in mir vorging, der Verstand setze aus, die Gefühle übernahmen das Steuer.

Es ist nicht leicht zurück auf einen Weg zu finden, wenn man die Kontrolle über sein Tun verliert. Körperlich saß ich in einem Wagen, in dem der Verstand auf der Rückbank saß und durch die Heckscheibe der Vergangenheit nachsah, während vorne meine unterdrückten Gefühle auf eine Mauer zufuhren. Als der Druck am größten war, da ließ ich mich fallen ohne an die Konsequenzen zu denken, denn ich hatte das Gefühl, es sei ohnehin niemand da, der mich hätte auffangen können. Und so geschah es, dass ich gleich zwei Menschen unfassbar verletzt und beide verloren habe. Nicht nur habe ich meine Partnerin verloren, irgendwo am Weg verlor ich – als der Wagen dann mit voller Wucht gegen die Wand der Wirklichkeit fuhr – auch mich.

Auch heute, viele Monate später, ist mir noch immer nicht ganz klar, wohin ich denn in Zukunft gehen will. Beim ständigen Reflektieren über mich selbst, mein Tun und mein Sein stolpere ich immer wieder über mich selbst. Ist mein Job nicht eigentlich eh ganz in Ordnung? Macht das Studium der Rechtswissenschaften, obwohl der Stoff bislang sehr spannend ist, überhaupt Sinn? Bin ich denn überhaupt für eine Beziehung gemacht? Was will ich denn und wieso?

Und so suche ich nach Bedeutung, Sinn und Hoffnung. Für mein Handeln, Denken und Fühlen.

Musik

Am Anfang war …

Ich war ja schon immer für einen ausgefallenen Musikgeschmack bekannt. Oder keinen, wie manche meiner „Freunde“ behaupten. ; )

An vernünftige, alternative oder ausgefallene Musik heran zu kommen war für mich als Jugendlichen Dank nicht vorhandener Mittel kaum möglich. Doch während in der Hauptschule die Mädchen ununterbrochen Madonna und die Jungs Depeche Mode hörten, fing meine musikalische Reise – ich weiß eigentlich nicht mehr ganz warum – mit Jean-Michel Jarre und seinem Album ‚Oxygène‘ an. Es folgten noch viele weitere. Dann kam irgendjemand zufällig mit Koto daher und ich muss einige der frühen Alben wohl eine Million mal gehört haben. Weiter waren es ein paar der ersten Thunderdome-CDs bis schließlich die Offenbarung kam: The Prodigy mit der Single ‚No Good (Start the Dance)‘. Da war ich gerade mal 16. Bryan, mein damaliger bester Freund, und ich haben die Nummer von MTV auf eine Videokassete (<— falls mein Neffe oder sonst jemand jüngerer mitließt … LMAO) aufgenommen und sind zu dieser in Dauerschleife im Wohnzimmer auf dem Sofa herumgesprungen. Von seinen Eltern hat es einen ordentlichen Anschiss gegeben, weil dabei irgendetwas in Arsch ging. Von da an war es eigentlich nicht mehr weit zum Jungle und schließlich zum Drum&Bass.

Mit 16, 18, 20 oder 25 war Drum&Bass für mich das, was für andere zum Beispiel der Rock war. Während sich die einen bei Konzerten beim Headbangen ein Schleudertrauma zuzogen, ruinierte ich mir bei den Raves meine Kniescheiben. Oder so. : D Wer die Parallele zwischen ‚Killing in the Name‘ von Rage Agains the Machine und ‚Monologue‘ von Black Sun Empire nicht hört bzw. sieht, dem/der kann ich auch nicht mehr helfen. Und klar: Auch ich war auf den Partys nicht ganz nüchtern. Wen das Thema Drum&Bass interessiert, der/die kann sich dazu auf YouTube eine von mir erstellte, allerdings unfassbar winzige Auswahl anhören. Die Playlist fängt mit Jungle aus dem Jahr 1995 an und hört mit Drum&Bass aus dem Jahr 2007 auf. Für alles, was danach kam, bin ich zu alt. LOL

… und heute ist es

Natürlich blieb es nicht nur bei Drum&Bass. Nicht nur habe ich selbst viel Neues entdeckt, in meinem bisherigen jungen Leben bin ich auch immer wieder vielen neuen und interessanten Menschen begegnet, die meinen musikalischen Horizont erweitert haben. Von Hip Hop bis Rock, von Techno bis Jazz, von klassischer Musik bis Wienerlied ist heute alles dabei.

Seit meinem ersten Halbmarathon im Dezember 2018 habe ich viel neue Musik entdeckt und diese für meinen nächsten Marathon im Dezember 2019 zu einer Playlist auf Spotify zusammengestellt. Die Playlist gibt auch die Zeit vor, in der ich dieses Jahr gerne den Halbmarathon beenden würde. ; )

Vielleicht ist für den Einen oder die Andere etwas Neues, Unerwartetes und Spannendes dabei. Enjoy! : )