Ein Tag am Campus der Universität Chiang Mai
Unlängst war ich schon relativ zeitig in der Hauptbibliothek am größten Campus der Universität Chiang Mai, um mir wieder den Stoff meiner bevorstehenden Prüfung in den Kopf zu knallen. Ich lese den Stoff in den Skripten und markiere dabei wichtige Passagen sowie Definition, fasse dies alles dann irgendwann für mich in einem Heft zusammen und lerne im nächsten Schritt mit Hilfe von Karteikarten hunderte Fragen und die dazugehörigen Antworten auswendig. Das mache ich fast jeden Tag so. Je nach dem, ob ich noch eine Rude Laufen oder ins Yoga gehe sind es meist zwischen fünf und acht Stunden. Mit Pausen dazwischen. Natürlich. Sonst hält das ja niemand aus.


In der Mittagspause ging ich hinaus um ein wenig auf dem Campus der Universität herumzuschlendern. Die Universität Chiang Mai ist die wichtigste Universität im Norden von Thailand und zählt knapp 40.000 Studierende. Der größte Campus, auf dem ich mich immer befinde, hat eine Fläche von knapp 3 Quadratkilometern, da kann man sich schon mal verirren.
Der Campus ist sehr weitläufig und grün, überall stehen Bäume, es gibt einen schönen See der zum Entspannen einlädt oder um den am Abend Jung und Alt seine Runden dreht. Die Gebäude – Direktionen, Verwaltungsgebäude, Institute, Studentenheime, Supermärkte, Bankinstitute und was auch immer da so an Gebäuden herumsteht – sind auf dem gesamten Gelände bunt verstreut, und so ist es hier bis auf die Hauptverkehrsadern relativ ruhig. Doch …
Hindernislauf
Manchmal sieht man am Campus der Universität von Chiang Mai körperlich behinderte Menschen. Sie sind alle in Begleitung, denn das Gelände ist alles andere als Barrierefrei. Treppen und noch mehr Stufen wohin das Auge reicht, desolate Gehsteige, unfassbar hohe Bordsteinkanten, Verkehr von allen Seiten, Hindernisse auf den Wegen, Bäume überall.




Bedeutung
Beim Rückweg zur Bibliothek hatte ich dann ein ziemliches Tief. Mir fing an das Wörtchen „Bedeutung“ durch den Kopf zu gehen. Was ist denn von „Bedeutung“? Welches Tun hat „Bedeutung“? Wer hat (für mich) „Bedeutung“? Wie kann ich „Bedeutung“ durch mein Handeln, Denken, Fühlen schaffen?
Zurück in der Bibliothek ging ich am Weg zur Toilette – wie so oft in den letzen Wochen – an einer Reinigungsdame vorbei. Dort angekommen kamen mir dann die Tränen. Ich stand vor dem Pissoir, ließ meinen Strahl in die Muschel laufen, dachte an die Reinigungsdame, die vor der Toilette saß, und musste dabei heulen. Die Reinigungsdame geht alle 15 Minuten zum Reinigen einmal in die Toilette der Frauen und einmal in die Toilette der Männer. In der Zeit, in der sie die Toiletten nicht reinigt, sitzt sie oft mit dem Gesicht zur Wand und hört, so scheint es zumindest, vermutlich Musik.



Den ganzen Tag saß sie da, reinigte immer wieder die Toiletten oder saß auf ihrem Stuhl. Wir alle gingen an ihr vorbei und sahen sie nicht. Sie war eigentlich nicht da. Vielleicht wollte auch sie uns nicht sehen und so drehte sie sich zur Wand hin. Sie tut, wofür sie vermutlich ein bisschen an Geld bekommt.
Sinn
Besonders hier sehe ich manchmal einem Kampf zu – dem Kampf zwischen Mensch und Natur, und Mensch mit anderen oder mit sich selbst. Ich frage mich, wo denn das Leben in diesem Kampf geblieben ist, wieviel Zeit denn bei diesem ständigen Kampf um das Überleben dem Leben als solchem bleibt.
Ich habe dann irgendwann doch wieder meinen Kopf über meine Bücher gehängt. Ich muss, das ist mein Imperativ des Lebens: Das unbedingt gültige Gebot die Prüfung zu bestehen.
Hoffnung
Mitte 2018 bestand der Großteil meiner täglichen Beschäftigung daraus, auswendig gelernte Kurzvorträge aufzusagen oder stundenlang die Tastenkombinationen Strg+c und Strg+v zu drücken. Irgendwann kam der Sommer, der mich körperlich Dank zusätzlich zum Job selbstauferlegter Gartenarbeit und dem Lernen für den Motorradführerschein unfassbar ausgelaugt hat. Es hat nicht lange gebraucht und ich fing an alles zu hinterfragen: Was mache ich denn da? Bin ich mit meinem Job, meiner Beziehung, mit mir selbst zufrieden? Ist das alles? Langsam aber sicher fing ich mich an zu verschließen, kam aus mir nicht mehr heraus, die Wörter fingen an für das zu fehlen, was in mir vorging, der Verstand setze aus, die Gefühle übernahmen das Steuer.
Es ist nicht leicht zurück auf einen Weg zu finden, wenn man die Kontrolle über sein Tun verliert. Körperlich saß ich in einem Wagen, in dem der Verstand auf der Rückbank saß und durch die Heckscheibe der Vergangenheit nachsah, während vorne meine unterdrückten Gefühle auf eine Mauer zufuhren. Als der Druck am größten war, da ließ ich mich fallen ohne an die Konsequenzen zu denken, denn ich hatte das Gefühl, es sei ohnehin niemand da, der mich hätte auffangen können. Und so geschah es, dass ich gleich zwei Menschen unfassbar verletzt und beide verloren habe. Nicht nur habe ich meine Partnerin verloren, irgendwo am Weg verlor ich – als der Wagen dann mit voller Wucht gegen die Wand der Wirklichkeit fuhr – auch mich.
Auch heute, viele Monate später, ist mir noch immer nicht ganz klar, wohin ich denn in Zukunft gehen will. Beim ständigen Reflektieren über mich selbst, mein Tun und mein Sein stolpere ich immer wieder über mich selbst. Ist mein Job nicht eigentlich eh ganz in Ordnung? Macht das Studium der Rechtswissenschaften, obwohl der Stoff bislang sehr spannend ist, überhaupt Sinn? Bin ich denn überhaupt für eine Beziehung gemacht? Was will ich denn und wieso?
Und so suche ich nach Bedeutung, Sinn und Hoffnung. Für mein Handeln, Denken und Fühlen.