Stelle dir vor, dein Leben ist eine (hoffentlich) lange Wanderung. Zu Beginn hilft man dir noch viel um auf die eigenen Füße zu kommen; du lernst dich auf den Straßen, Wegen und Pfaden zu bewegen; vielleicht holst du dir dabei mal da und dort einen blauen Fleck, was aber nicht weiter schlimm ist, denn du bist noch jung und steckst diese ganz locker weg; doch irgendwann bist du auf dem Weg durch das Leben auf dich alleine gestellt. Im Laufe des Lebens sammelst du Wissen und Erfahrung, und gehst mal dahin, mal dorthin. Du bist voller Energie und Elan, du könntest täglich Bäume ausreisen. Die Wege, auf denen du dich bewegst, sind breit und bequem, und es gibt auf diesen kaum einen Verkehr und wenn doch, dann schlängelst du dich gekonnt an den Hindernissen vorbei.
An irgendeinem Punk in deinem Leben hast du dir aber so viel vorgenommen, dass die Spaziergänge und Wanderungen immer länger und die Erholungszeiten immer kürzer werden. Doch du blickst zurück auf dein Leben und denkst dir, dass ja früher alles immer so einfach gegangen ist und fragst dich, warum es denn jetzt anders sein sollte. Also marschierst du brav weiter: in deinen Job, in den Garten, auf deine Reisen, zum Sonntagsbrunch, zu Freunden, auf eine Party, zum Familienessen, zum Shoppen, in den Baumarkt – unaufhörlich bist du unterwegs.
Irgendwann bist du schließlich so lange unterwegs, dass du langsam müde wirst. Du merkst es kaum, denn diese Erfahrung hast du noch nicht gemacht. Du bleibst auch nicht stehen um eine Pause zu machen, sondern läufst weiter und weiter. Du hast vielleicht eine Reihe an Verpflichtungen am Hals, die du erledigen musst, und zum Ausgleich halst du dir in deiner Freizeit noch etliche weitere Verpflichtungen auf, da du ja in deiner Freizeit unbedingt aktiv sein magst.
Am Anfang bist du noch mit viel Schwung unterwegs, zusehends aber immer verbissener und verbissener, ohne den Grund für diese Verbissenheit oder Anstrengung zu wissen. Ohne es zu merken kommst du vom Weg ab. Zwar kommst du immer wieder zu deinen Zielen – dem Job, dem Garten, den Reisen und den vielen anderen Dingen – aber die Wege scheinen sich nun unfassbar in die Länge zu ziehen, die Gänge scheinen dir immer anstrengender zu werden. Der früher breite und bequeme Weg wird unmerkbar schmäler und unbequemer, die ersten Hindernisse liegen auf dem Weg.
Die gewohnt malerische Umgebung ändert sich, der Untergrund wird nun holpriger, dir fällt es aber nicht auf, du hast lediglich deine Verpflichtungen und Ziele vor den Augen, von denen du dir einredest, diese wären zu erreichen, wären lebenswert, wären das, was dich als Mensch ausmacht.
Da du Scheuklappen auf den Augen hast merkst du nicht, dass sich nicht nur die Umgebung und der Untergrund ändern, es ändert sich auch langsam das Wetter. Zwar scheint noch die Sonne, aber in der Ferne sind schon dunkle Wolken zu sehen. Bald fängt es an zu regnen, deine Kleidung und deine Schuhe sind durchnässt, ein Halt wäre ratsam, um mal etwas zu essen und zu trinken, und vielleicht mal ein wenig zu ruhen, um in dich hinein zu spüren, wie viel Energie denn eigentlich noch da ist. Es wäre gut, nachzusehen, ob du noch immer am richtigen Weg bist und ob die Ziele, von denen du denkst, sie wären für dich so wichtig, wirklich das sind, was du nun brauchst. Doch du denkst dir: Für so etwas habe ich gerade keine Zeit. Ich muss noch weiter, ich habe noch viel vor, das geht sich schon alles gut aus, alles kein Problem.
Inzwischen bist du beim Abgehen deiner täglichen und so selbstverständlichen Zwischenstationen sehr weit von allem und allen unterwegs und irrst nur noch herum. Du bewegst dich erschöpft im unwegsamen Gelände, die Umgebung ist dir gar nicht mehr vertraut, dichter Regen nimmt dir nun auch noch die Sicht. Ständig steigst du über ein Hindernis, das du vor einem Augenblick noch nicht gesehen hast. Du weißt nicht mehr, wo du einen Halt finden könntest oder wer dir helfen könnte, wieder auf den richtigen Weg zurück zu finden. Als dir auch noch die Energieriegel und das Wasser ausgehen, hörst du auf klar zu denken und schlägst um dich wild herum. Du triffst dabei irgendetwas, du hörst noch ein klirren, aber du weißt nicht was du getroffen hast. Um dich ist es dunkel und alles dreht sich. Schließlich kommst du vor lauter Erschöpfung gezwungenermaßen endlich zu deiner Ruhe. Du legst dich hin und machst ein Nickerchen.

Als du Monate später aufwachst, findest du dich Mitten im Nirgendwo wieder. Du weißt nicht, wo du bist und wohin du nun gehen sollst. Du bist ständig müde und magst eigentlich nur schlafen, da du dich ziemlich erschlagen fühlst. Du hast auf gar nichts mehr Lust. Weder auf körperliche noch auf geistige Aktivitäten. Du schaffst es gerade mal zum Supermarkt. Der Weg zum Supermarkt um die Ecke scheint dir eine Weltreise zu sein. Im Supermarkt selbst kaufst du dir einen Vorrat an Zwieback und Sojadrinks, da du überhaupt keinen Appetit mehr hast. Nach einer Woche wiegst du 5 kg weniger. Eigentlich gar keine so schlechte Diät, wärst du nicht ohnehin schon untergewichtig.
Du triffst Entscheidungen, ohne zu wissen, ob sie die richtigen sind. Du gehst in eine Richtung, ohne zu wissen, was dich dort erwartet. Du weißt nicht, wie du auf den Weg, den du vor langer Zeit verlassen hast, wieder kommen sollst. Du hörst aus der Ferne unterschiedliche Ratschläge aber du weißt, dass du auf diesen Weg alleine kommen musst, dass dir dabei niemand helfen werden kann. Manchmal kommst du in eine Sackgasse und musst den anstrengenden Weg wieder zurück nehmen.
Irgendwann kehrt der Appetit zurück und du setzt dich langsam in Bewegung, um wieder einem geregelten Alltag nachzugehen. Doch alles geht nun viel langsamer voran als früher. Dir fehlt die Kraft und ein klarer Verstand. Dort und da erholst du dich ein wenig, kannst ein wenig Kraft tanken, aber du gehst nun immer auf Reserve. Du bräuchtest eigentlich eine richtige Auszeit, ordentlich Ressourcen, damit du dich mit Energie volltanken kannst. Du müsstest mal so richtig abschalten und dir Zeit nur für dich nehmen, ohne an morgen zu denken, ohne ständig mit Sorgen über die Zukunft konfrontiert zu sein. Aber so einfach ist das nicht. Diese Ressourcen hast du vielleicht nicht. Also drehst du alles ab was dir Kraft raubt, was für dich anstrengend sein könnte und machst nur noch das absolut Nötigste. Das, was du mehr oder weniger zum überleben brauchst. Du isst, um zu arbeiten und arbeitest, um essen zu können. Für mehr hast du eigentlich keine Kraft, alles weitere, was du aber dringen bräuchtest, kommt vermutlich viel zu kurz.
Mit der Zeit nimmst du den Scherbenhaufen wahr, denn du vor deinem Zusammenbruch angerichtet hast. Manches wird dir langsam klar, du verstehst vielleicht, warum es so weit gekommen ist, doch du weißt auch, dass du diesen Scherbenhaufen, den du angerichtet hast, nie wieder zusammen flicken werden kannst. Du wirst zu deinem früheren Leben nie wieder zurück kehren, dafür ist der Schaden viel zu groß. Manchmal stürzt dich das in ein tiefes dunkles Loch, dass dir wieder all deine Energie raubt.
Monate vergehen, vielleicht sogar Jahre, bis du irgendwann wieder genug Kraft geschöpft hast, um aufrecht durch das Leben zu gehen. Bis dahin kämpfst du täglich. Mit dir selbst.