Hallo 2020

Ein Zuviel

Manchmal braucht es viel Zeit um aus einem persönlichen Tief zu kommen. Sehr viel Zeit sogar. Die Tage und Monate vergehen und man will schon gar nicht auf bessere Zeiten hoffen. Jegliche Hoffnung auf Besserung der eigenen Lebensumstände oder der eigenen Gemütslage scheint in der unerträglichen Trägheit des Alltags zu verschwinden. Während man sich oft tagelang im Bett von Seite zu Seite wälzt denkt man an das fröhliche Leben der anderen, denn das eigene Leben scheint lediglich eine unerträgliche Qual zu sein. Und so vergießt man mitunter eine Flut an Tränen in sein stilles und geduldiges Kopfpolster, bevor man sich endlich dazu entschließt, das sichere Örtchen Bett zu verlassen und ein paar Scheiben Toastbrot in sich zu stopfen.

Bei mir sind nun über ein Dutzend schlechter Monate vergangen, in denen ich mich mit meiner Vergangenheit und mit mir selbst auseinander gesetzt habe. Auf dem Weg der Selbsterkenntnis und Selbstfindung war und ist es nicht einfach zu gehen. Schnell ist man versucht bei der Selbstbetrachtung einen einfachen und gemütlichen Weg zu nehmen. Die eigenen Probleme und Unzulänglichkeiten anderen in die Schuhe zu schieben mag einer dieser einfachen Wege sein: Wäre er/sie/* damals so oder so gewesen! Hätte */sie/er damals dieses oder jenes getan! Wäre er/sie/* doch einen Schritt auf mich zugegangen! Oooh … um wieviel besser würde es mir doch heute gehen! Oft kommt man zwar nicht vom Weg ab, allerdings auf diesem auch nicht weiter, denn man dreht sich auf diesem lediglich im Kreis und überhäuft sich dabei mit Selbstvorwürfen: Hätte ich mich damals doch anders verhalten! Wäre ich damals nach links statt nach rechts gegangen! Hätte ich doch jene statt dieser Entscheidung getroffen! Oooh … um wie viel besser würde es mir doch heute gehen!

Es ist gut zu erkennen, was denn die Ursache für ein Tief bei sich selbst war oder (noch) ist, wobei die Erkenntnis einerseits lange auf sich warten lassen und andererseits sich mit der Zeit auch durchaus ändern kann. Bei mir war – so der vorläufige Stand meiner umfassenden Innenbetrachtung – der Auslöser für meine Überforderung, (emotionale) Erschöpfung und verminderte Leistungsfähigkeit hausgemacht und lässt sich auf ein Zuviel an beruflichen und vor allem privaten Aktivitäten zurückführen. Mit diesem Zuviel habe ich mich in den vergangenen Monaten hinreichend beschäftigt und konnte daher erkennen, dass ich zum Selbstschutz und zur Schonung meiner Energie, die ja – entgegen meiner noch bis vor kurzem jugendlichen Vorstellung – nicht unerschöpflich ist, ein wenig kürzer treten und daher vor allem im privaten Bereich auf einige Tätigkeiten verzichten muss. Es ist mir – sprichwörtlich – nicht mehr möglich, auf allen Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Irgendwo muss ich nun einfach Abstriche machen. Viele Monate nach meiner körperlichen und geistigen Überforderung sowie meiner Krise freue ich mich endlich akzeptieren zu können, dass ich mich nun statt einer Vielzahl an Interessen auf einige wenige beschränken kann, ohne dabei das Gefühl zu haben, mein Leben wäre nur noch von Langeweile geprägt.

Meistens dachte ich in den vergangenen Monaten in Bezug auf meine körperliche sowie geistige Überforderung und damit einhergehende Bedrücktheit über psychosoziale Auslöser nach. Unlängst erklärte mir allerdings eine liebe Freundin, dass für das ständige Gefühl eines Tiefs auch neurobiologische Veränderungen im Gehirn verantwortlich sein können. Der Grund hierfür können Veränderungen diverser Hormone und Botenstoffe im Gehirn sein. Ein Zuviel an Stresshormonen wie Cortisol, ein Zuwenig an sogenannten Glückshormonen wie Serotonin, Noradrenalin, Endorphine, Oxytocin. Glückshormone steigern das Wohlbefinden und rufen Glücksgefühle hervor.

Da kam mir der glückliche Gedanke, dass das Zuviel an Beschäftigung vor meinem körperlichen und geistigen Versagen sowie das darauf folgende Zuviel an unfassbar schlechter Stimmung und Trauer gleichzeitig ein Zuwenig an etwas anderem bedeutete und nach wie vor bedeutet. Dieses Zuwenig gilt es in den kommenden Monaten und Jahren auszugleichen, um wieder mehr Glück und Zufriedenheit zu spüren.

Ein Zuwenig

Oft hat man keinen Einfluss darauf, wie viele Stunden man in seinem Beruf verbringen muss. Hier ist man gebunden, hat also keine Wahl. Hingegen hat man die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie viel Zeit man in private Tätigkeiten investieren will. Da die Tage bekanntlich aber nur 24 Stunden haben, bedeutet ein Zuviel an vor allem privatem Rummel, dass so unweigerlich der gesamte Alltag, aber auch der überwiegende Teil der Freizeit, ausfüllt wird. Mir scheint, dass ich unbewusst in diese „Falle“ geraten bin.

Dabei scheint es mir, als wäre ich nicht der Einzige, der in diese Falle gerät. Es mag ein Paradox sein, dass man heutzutage umso mehr in seiner freien Zeit tun möchte, umso mehr man aus beruflichen Gründen arbeitet oder arbeiten muss. Je mehr man arbeitet, um so mehr will man in seiner Freizeit etwas anderes als Arbeit erleben, wobei dieser regelrechte Zwang zum Tun in der Freizeit letztlich dann aber doch wieder nur in Arbeit mündet. So geht man nach einer beschwerlichen Arbeitswoche zur „Erholung“ stundenlang wandern oder fährt kreuz und quer mit dem Fahrrad herum. Man gräbt zur „beruflichen Abwechslung“ den ganzen Garten um oder renoviert ein Haus. Man rennt am Wochenende zur „Entspannung“ von Flohmarkt zu Flohmarkt, von einer Bar zur nächsten, von einem Event zum anderen.

Problematisch wird es meiner Meinung nach dann, wenn – ähnlich wie im Beruf – man bei der Planung seiner Freizeit nicht mehr ohne einen Terminkalender auskommt, denn über die unzähligen Besuche von Ausstellungen, Konzerten oder Führungen muss man ja irgendwie den Überblick behalten. Der wöchentliche Yoga-, Töpfer- und Gesangkurs da, die gelegentliche Theatervorstellung, das Ballet, die Lesung dort – alles muss mal eingetragen werden. Dazu kommen geplante Familienaktivitäten und Besuche von Freunden, Kurzurlaube und Städtetrips, Shoppingausflüge und Thermentage. Wenn man alle Termine penibel eintragen muss um den Überblick nicht zu verlieren oder permanent Terminkollisionen zu vermeiden, wenn man bei jeder Anfrage, ob man denn dann und wann Zeit für ein kurzes Treffen hätte, den Kalender zu rate ziehen muss, dann hat man ein Problem mit seiner FREI-Zeit. Denn schnell sind die kommenden Tage, Wochen und gar Monate mit einer Vielzahl an Terminen ausgefüllt, sodass man keine freie Minute mehr für sich selbst findet, ungeplante Ereignisse eine Herausforderung für das persönliche Zeitmanagement werden, sich spontane Handlungen nicht mehr ergeben und Langeweile nicht mehr aufkommt. Doch Langeweile ist ein Schlüssel zur Kreativität, ein einfacher Weg zu sich selbst und dadurch auch zu anderen, und in unserer schnelllebigen und hastigen Welt wichtiger denn je.

Das ständige Tun bei den unzähligen Aktivitäten, denen man heutzutage nachgehen kann, aber auch die vielen Verpflichtungen, die man sich selbst auferlegt, gehen schließlich auf Kosten von Freiheit. Der Freiheit, nichts zu tun. Einfach mal nur sein. Nicht mehr und nicht weniger. Für mich bedeutete dieser Freiheitsverlust auch einen Verlust an Freude. Freude ist das, was mir in den Monaten vor meiner Erschöpfung und meinem Tief abhanden gekommen ist. Denn das viele Tun vor meinem Ausbrennen tat ich irgendwann, auch wenn ich mich für viele der Beschäftigungen zunächst selbst entschieden habe, nicht mehr aus Freude, sondern aus reiner Pflicht. Schließlich habe ja ich mich selbst für den Kauf eines Gartens entschieden und musste somit nicht nur die monatlichen Raten für die Abbezahlung berappen, sondern im Garten auch viel tun, zu Baumärkten oder zum Müllplatz fahren, hier einfach ständig Arbeit verrichten. Die Kurse, für die ich ja auch zahlte, wollte ich ja tatsächlich irgendwann auch machen und wollte sie nicht entfallen lassen, also ging ich regelmäßig zu den festgelegten Zeit hin, trainierte eifrig vor mich hin und kam müde spät abends nach Hause. Und alle anderen Betätigungen waren ja schließlich auch irgendwie von mir gewollt. Dieses Wollen ist irgendwann zu viel geworden und wurde zu einer lästigen Pflicht.

Die geistige und körperliche Erschöpfung führte mehr und mehr zu einem Desinteresse an all den Dingen um mich herum, einer Abkehr von mir selbst und einem Rückzug von all den mir lieber Menschen in meinem Leben. Soziale Kontakte zur Familie und zu Freunden zu pflegen ist aber schließlich das, was mir immer viel Freude bereitet und mir viel Energie gegeben hat. Heute weiß ich, dass es mir damals an einem gesunden Mittelmaß zwischen Zuviel und Zuwenig an irgendwelchen Dingen gefehlt hat.

Das Mittelmaß

Durch das viele Tun fehlte es mir an Zeit, Kraft und Muße für die unaufgeregten aber so wertvollen Kleinigkeiten des Lebens. Kleinigkeiten, die enorm viel Freude bereiten und kurz- aber auch langfristig Energie geben und für ein fröhliches Gemüt sorgen. Der Geliebten einen Blumenstrauß schenken oder für sie eine Kleinigkeiten basteln. Gemeinsam einen Kuchen backen, dabei Musik hören und ein paar Gläser Wein trinken. Einfach mal einen unaufgeregten Spaziergang in den Weinbergen machen und sich irgendwo mit einem Buch in die Wiese legen. Ein ehrliches Gespräch über die Beziehung, und heimliche Wünsche und Vorstellungen führen. Wetterabhängig aus dem Bauch entscheiden, ob man nicht lieber den ganzen Tag im Bett bleibt oder doch etwas verrücktes unternimmt.

Zu den Kleinigkeiten gehört aber auch, die ganze Familie zum Essen zu treffen, Anekdoten und Witze zu erzählen, und dabei viel zu lachen. Die beste Freundin auf ein paar nette Drinks zu treffen und über Gott und die Welt zu plaudern. Auf das Land zu fahren, um liebe Freunde, die man vermisst, zu besuchen und gemeinsam mit ihnen ein paar feine Stunden zu verbringen. Mit einem Freund auf der Couch zu sitzen, über die alten Tage zu plaudern und gemeinsam vielleicht Musikvideos zu schauen. Einen aufregenden Tag mit einer lieben Freundin im Prater oder bei einem Ausflug in Brünn zu verbringen. Meine Jungs auf ein Bier oder fünf zu treffen und dabei nur sinnloses Zeug zu plaudern. Gut, nicht nur, ab und zu fällt auch ein äußerst intellektueller Sager. Eine andere Freundin zum Mittagessen zu treffen, wobei sie als Nachtisch selbstgemachte Apfel-Streusel-Cupcakes mitnimmt. Da freut man sich gleich umso mehr. Jemandem einen Brief zu schreiben.

Freude bereitet aber auch alleine schon die Vorstellung, dass man sich zu einem späteren Zeitpunkt einmal freuen wird, da etwas bestimmtes eintritt, von dem man weiß, dass es schön ist oder auch gut tut. Und das nicht einmal einem selbst. Freude darüber, dass irgendwann jemand überrascht ein Geschenk aufmacht, das man heimlich abgeschickt hat. Freude über die fröhlichen Gesichter, denen das selbst gekochte Essen schmeckt. Freude über die Hilfe, die man jemanden angeboten und somit gemeinsam etwas tolles geschafft hat, und sei es etwas so plumpes wie das Ausmalen einer Wohnung.

Es sind die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen. Die endlos großen, fruchtlosen und energieraubenden Baustellen des Lebens bringen auf Dauer keine Freude. Daher: Weniger von Mehr, mehr von Weniger!

Fazit: Das Glück ist das einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt. (Albert Schweitzer)

Tschüss 2019

Hi du!

Es tut mir leid (wirklich!), dass ich mich gerade nicht melde bzw. zurückziehe. Ich wollte bei dir schon lange Hallo sagen, aber irgendwie hatte ich in den letzen Wochen so viel um die Ohren: Das Ankommen in Wien und Einziehen bei meiner Schwester, warme Klamotten in meiner Wohnung holen, irgendwelche bürokratischen Dinge erledigen, mich mit meiner Mieterin herumärgern, die Jungs im Kent treffen, für die Prüfung lernen, meine Mom besuchen … es ist mir gerade zu viel.

2019 neigt sich dem Ende zu und so versuche ich neben all dem, was ich ohnehin schon mache, einen Schlussstrich unter diesem Jahr zu ziehen, doch es mag mir nicht ganz gelingen. Irgendwie nagen nach wie vor noch die Ereignisse von 2018 an mir, obwohl mein Burnout nun 16 und die Trennung von meiner Freundin 14 Monate her sind. Alles, was damals passiert ist und was ich gemacht habe, geht mir ständig durch den Kopf und lässt mich nicht los.

Das Jahr war und ist emotional kein einfaches Jahr gewesen, und irgendwie scheint mir alles, was ich in diesem Jahr gemacht habe, ein riesiger Scherbenhaufen zu sein. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich aus dem Ganzen wieder herauskommen, wo ich nun aufzuräumen anfangen, was ich denn tun soll. Also hänge ich über den Büchern und lerne und lerne und lerne.

Gerade ist mir nicht viel nach reden, es ist so viel und egal wo ich denn anfange, es endet immer damit, dass ich 2018 in meiner Krise alles kurz und klein geschlagen habe, und dadurch eine wichtige Person und sogar noch mehr verlor. Irgendwie frage ich mich mit 41, was ich jetzt außer Scherben noch habe. Ich habe eine liebende Familie und die tollsten Freunde auf der Welt, aber auch sie können mir alle nicht helfen, diesen Scherbenhaufen aufzuräumen. Das muss ich selbst tun. Weiß du, das ist gar nicht so einfach und oft denke ich mir, dass ich das nicht schaffen werde. Manchmal wünsche ich mir, das alles und ich wären einfach vorbei.

Von Anfang 2017 bis Mitte 2018 bin ich nicht nur einen, ich bin ein paar Dutzend ganzer Marathons gelaufen, ohne dass ich mir dessen bis zu meinem Burnout und meiner Krise bewusst war. 2017 fing die viele Arbeit im Garten an. Zunächst habe ich dort alleine die Komposter gebaut und unzählige Arbeiten erledigt. Dann habe ich eigenhändig die Fließen in der Wohnung in der alten Küche runter gestemmt und die Küche nach den Elektroarbeiten selbst verputzt. Danach gab es wieder irrsinnig viel Arbeit im Garten und ich will gar nicht wissen, wie oft ich am Müllplatz war, um unfassbar schwere Schuttsäcke wegzubringen. Oft alleine! Dazwischen natürlich ständig mein Job. Ich war auf einem Bike- und Wanderurlaub mit meiner Freundin in Kärnten, komasaufen in Berlin mit den Jungs, beruflich in Niederösterreich unterwegs und zum Schluss wieder in Kärnten mit meiner Partnerin.

2018 war nicht viel besser. Ich habe im Frühjahr alleine mit einem Gärtner 10 Stunden die Obstbäume im Garten umgeschnitten. Nachher waren meine Freundin und ich auf Mallorca Rennrad fahren, was im Nachhinein betrachtet wenig an Erholung bedeutete. Daneben hatte ich ständig unfassbar viel um die Ohren in meinem Job, der mir zur damaligen Zeit keinen Spaß machte, ich war ständig im Garten, war immer wieder mit meiner Partnerin in Kärnten, war mit ihr und ihren Freunden in Prag, ich war regelmäßig zwei bis drei mal in der Woche im Wing Chun Training, am Donnerstag mit den Jungs Biken, ich habe im Sommer den A-Führerschein gemacht und war eine Woche meines zweiwöchigen Sommerurlaubs in Baumärkten, beim IKEA und am Grundstück bei 40 Grad arbeiten. Ich dachte mir: Das geht sich schon alles aus, ich habe die Energie und ich will, dass „unser“ Garten und das Häuschen schön und gemütlich sind. Ja, es war irgendwann schön und gemütlich. Und ich? Ich war nachher im Arsch während meine Freundin ständig auf irgendwelchen Dienstreisen war. Und es ist niemand gekommen, weder im Job, noch privat, noch irgendwo und hat irgendwann gesagt: „Hey, das hast du super über die Bühne gebracht. Ich bin stolz auf dich!“ Nein, einen Scheißdreck hat irgendwer mal irgendwo gesagt. Im Job habe ich zu funktionieren wie ein Uhrwerk und in der Beziehung bin ich halt der starke Mann der alles zu schupfen hat. Und wenn nicht, dann bin ich halt auswechselbar. Im Job, in der Beziehung, überall.

Und weißt du … was von dem vielen Tun, dass ich 2017 und 2018 gemacht habe, gesehen wurde? Nur, dass ich meinen Pimmel wo anders reingesteckt habe. Ich habe mir damals in der Früh „Mutan“ und am Abend „Trittico“ reingeworfen, und was die mit einem machen steht im Beipackzettel, das kann man auch nachgooglen. Aber egal, ich habe meinen Lümmel wo anders reingesteckt und das ist alles, was von den mehr als zwei Jahren Beziehung mit meiner nunmehr Ex übrig geblieben ist. Fertig. Mehr ist es nicht. Keine Sau (bis auf ein paar Ausnahmen) – meine Freundin schon gar nicht – hat es interessiert, warum es so weit gekommen ist. Dass meine Partnerin genau dann, als es mir am schlimmsten gegangen ist, nach Kärnten weggefahren ist, ist für alle irrelevant. Mir hat das damals das psychische Genick gebrochen. Dass ich mir nicht mehr gewünscht habe, als dass mich meine Freundin auch mal in den Arm nimmt, ist egal. Ich wusste damals nicht wo vorne und wo hinten ist, und habe mir eingebildet, polyamor zu sein und meine Freundin und die Affäre gleichzeitig zu lieben. Dabei wollte ich einfach nur von jemandem mal gesehen und wahrgenommen und geliebt werden. Mein Seitensprung war zur falschen Zeit am richtigen Ort, nämlich für mich da, wo es mir schlecht ging. Sie hat die Hand angeboten und ich habe sie genommen. Fertig. Der Sex war übrigens für den Arsch, weil ich auf meinen Tabletten mit Orgasmus- und Ejakulationsstörungen zu kämpfen hatte. Die Affäre hat mir nachher gesagt, sie sei mehr oder weniger frigide, sie hätte Dank dem unfassbaren Leistungsdruck, den sie sich beruflich selbst auferlegt, nur alle paar Jahre(!) Lust auf Sex, was schon in ihren anderen Beziehungen ein Problem war (no na). Und dann war von ihr nie wieder etwas gehört. Die Leute haben keine Ahnung, wie sehr das mein Selbstwertgefühl zerstört hat, weil die eigene Partnerin für mich nicht da war und das G’spusi mir gesagt hat, sie habe nur alle zwei Jahre Sex. Meine Therapeutin hat gemeint, ich hätte es gleich zwei mal mit einer Abweisung zu tun gehabt, was hinzunehmen unfassbar schwer sein muss. Haha … so viel Glück muss man auch haben. Egal … wen interessiert das schon?!

Ich kann relativ gut mit Worten, aber hier habe ich versagt. Ich konnte mich nicht mitteilen, ich konnte bis heute meiner Ex nicht sagen, was los war und wie gern ich sie gehabt habe. Ist ja auch scheiß egal, wenn man total erledigt ist und verlassen wird und dann den Menschen, den man am liebsten bei sich hätte, betrügt.

Heute weiß ich, dass ich damals zu lange völlig am Limit war. Und ich behaupte, meine damalige Freundin auch. Sie hatte ja ebenfalls viel im Job und mit unserem Garten um die Ohren. Wir haben uns in dem vielen Tun verloren, ich habe es völlig vermasselt und wir fanden in dem Chaos nicht mehr zueinander zurück. Es fehlte uns die Kraft, Abstand von allem zu nehmen um zu sehen, was wirklich los war. Als ich damals, Ende 2018, nach Asien weg fuhr, ließ ich alle meine Sorgen hier zurück. Nach meiner Rückkehr offenbarte sich mir aber das ganze Unheil. Doch es war nichts mehr zu machen. Der Schaden konnte nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Seit dem kämpfe ich mit Schuldgefühlen und Trauer. Weil ich mich mit mir selbst nicht wohl fühle, weil ich, ja, schon 14 Monate lang, meiner Freundin nachtrauere, weil ich einfach nicht weiß, was ich denn will und warum.

Sorry, dass ich schon so lange kein einfacher und kein lustiger Mensch mehr bin. Ich habe das Gefühl, dass ich 2018 mein Leben „verloren“ habe. Seit meinem Burnout bin ich einfach nur unfassbar müde, komme aber zu keiner Erholung. Ich treffe Entscheidungen aus dem Bauch heraus und bereue diese später. Ich mache Dinge, von denen ich nicht weiß, ob ich sie machen will. Ich drehe mich in einem Kreis und komme einfach nicht wieder auf die richtige Bahn.

Ich habe 2018 durch den Burnout, die Trennung, das Gefühlschaos, die Unzufriedenheit etc. einen ordentlichen Knacks davon getragen und versuche nun irgendwie mein Leben wieder in die richtige Bahn zu lenken beziehungsweise generell irgendwie halbwegs zu funktionieren. Das ist nicht einfach. Ich fühle mich oft in meiner Haut nicht wohl und weiß nicht, wohin ich mich weiter entwickeln soll. Zwei Jahrzehnte war vieles für mich klar und selbstverständlich, nun fing alles an zu bröckeln.

Ich bin ein 41-jähriger Typ, der einsam in einer 28,75 m2 Gemeindewohnung wohnt, der in seiner jetzigen Bildungskarenz von 950 Euro lebt und der sich 600 Seiten für eine Prüfung in sein Hirn quetscht, obwohl nicht klar ist, ob ich das Studium überhaupt weiter machen will, denn es zermürbt mich, täglich alleine unzählige Stunden vor den Büchern zu sitzen ohne mir davon etwas zu merken.

Hm … um ehrlich zu sein habe ich keine Ahnung, was ich gerade mache und warum. Aber ja, ich mache jetzt mal weiter, weil wenn ich die Prüfung nicht schaffe, dann … ja … dann habe ich ein ernstes Problem. Und zwar noch eines neben den vielen anderen. Aber wen interessiert auch das schon?!

Ich hoffe, dass sich dir jetzt nicht der Kopf dreht und du dir zu viele Gedanken machst. Irgendwann wird das alles wieder gut. In den letzen Monaten habe ich so viele Menschen kennen gelernt, die einen Burnout, eine Depression, Angstschübe, Unsicherheiten, Verzweiflung, was auch immer hatten, da ist das, wo ich gerade durchgehe, ein Scheiß dagegen. Dass ich mindestens einmal in der Woche weine, weil ich an meine mir verloren gegangene Freundin, den Garten, Freunde, Familie und ansonsten mein vergangenes und relativ schönes Leben denke, ist nichts gegen andere. Aber ja, am Ende des Tages tröstet es mich auch nicht, dass es anderen noch schlechter geht als mir. Ich darf mich nicht vergleichen, ich muss meine Probleme als eigenständig ansehen. Andere würden vielleicht mit den Schultern zucken, aber mir machen meine Probleme das Leben schwer.

Manche haben Glück und können (es sich leisten) sich in so einer Lebenslage professionelle Hilfe (zu) holen. Andere „lösen“ die Krise durch übermäßigen Alkohol- und Drogenkonsum. Wieder andere, so wie ich, hören mit dem Saufen und den Drogen auf (na schau, ist doch etwas Positives. Seit knapp 3 Monaten bin ich nun „clean“ – kein Alk, nicht mal Kaffee. Ich bin körperlich der fitteste Typ in ganz Wien … hahaha) und ziehen sich zurück, und machen halt irgendetwas, weil sie gerade nicht wissen, wie sie wieder hochkommen sollen.

Mir ist klar, dass das nichts ist, was in einer oder zwei Wochen erledigt ist. Das wird Monate, wenn nicht Jahre dauern. Du kennst mich ja, ich bin ein relativ kopflastiger Mensch. Ich muss für mich Wege finden, wie ich wieder zufriedener und glücklicher sein kann. Das bedeutet auch, dass ich jetzt vergangene Lebensentwürfe hinterfrage und Dinge ändere. Manches kann man leicht ändern, manches braucht halt Geld, so wie zum Beispiel der Umbau meiner jetzigen Wohnung oder ein Umzug in eine andere und größere Wohnung. Vielleicht ist es langsam an der Zeit, meine 160 Euro Gemeindewohnung zu verlassenen. Keine Ahnung, ich weiß es (noch) nicht. Aber ja … das ist halt gar nicht einfach. Du kennst ja die Mietpreise in Wien.

Und dann kommen noch 1.000 andere Baustellen hinzu. Job: Was will ich tun? Beziehung: Wie soll sie sein? Und … und … und …

Wenn ich so über das letze Jahr nachdenke, dann weiß ich, dass auf mich große Veränderungen zukommen:

  1. Ich muss endlich häuslich werden, mir ein zu Hause schaffen, ein Heim, einen Ort, wo ich nicht nur zum Schlafen bin, sondern wo ich mich auch richtig wohl fühle, wo ich auch gerne bleiben mag. Entweder gestalte ich meine kleine Wohnung um, setze sie in den ursprünglichen Zustand mit Hochbett und Sofa zurück, und schaffe mir hier eine kleine gemütliche Höhle, oder ich suche mir eine neue Wohnung. Eine Wohnung, die ich mir langsam gemütlich einrichten kann. Die bisschen Platz hat für ein paar Blumen und für all meine Erinnerungen der letzen 40 Jahre, die sich nun in irgendwelchen Schachteln befinden, die ich schon lange nicht mehr in der Hand hatte. Platz für ein gemütliches Sofa mit einer Kuscheldecke und einem Bücherregal daneben. Da mal ein schönes Ding vom Flohmarkt und hier eine Kleinigkeit an der Wand. Etwas, was mir ein Ort der Sicherheit und Geborgenheit ist.
  2. Ich muss nach 20 Jahren mit dem Reisen aufhören, zumindest in der Form, in der ich immer unterwegs war. Stattdessen will ich mehr Zeit mit meinen Lieben und meiner nächsten Freundin verbringen, anstatt sie monatelang alleine zu Hause zu lassen, weil sie wahrscheinlich nicht so einfach mitkommen werden wird. Das wird schwierig für mich, aber es reicht mir, Erinnerungen alleine zu sammeln. Urlaub in Kroatien ist auch fein. Einfach in einem kleinen Ort abhängen und auf das Meer schauen. Die Abenteuerreisen möchte ich jetzt vorerst für eine Zeitlang auf den Nagel hängen, von denen hatte ich schon genug.
  3. Ich muss einige Dinge aufgeben, mit denen ich aufgewachsen bin und die ich gerne mache, weil sie zu zeitaufwändig sind und es fast unmöglich machen, dass jemand an meinem Leben teilnimmt. Hier ist eine Liste der Dinge, die ich gerne habe (ich versuche, über diese Dinge auf dem Laufenden zu bleiben oder sie mehr oder weniger häufig zu tun):
    • Sprachwissenschaft, Sprachen und Kulturen;
    • Neue Technologien;
    • Sport: Mountainbike und Rennrad fahren, Wing Chun (seit 6 Jahren trainiere ich, aber a) 3 bis 5 mal wöchentlich zu trainieren ist einfach zu viel und b) sehe ich momentan keine Fortschritte, weil ich zu unflexibel bin. Ich habe beschlossen, es vorerst an den Nagel zu hängen), Snowboarden (wenn ich nicht im Winter unterwegs oder pleite bin), Fitnessstudio (nicht mehr, ist zu zeitaufwändig, alleine ist das außerdem auch kein Spaß), Yoga (weil ich zu steif bin, aber auch zu zeitaufwändig, und auch alleine);
    • Reisen;
    • Musik: Drum&Bass (ich war einfach auf zu vielen Partys in meinem Leben und gehe ja immer noch ein- oder zweimal im Jahr, wenn Claus irgendwo auflegt), ausgehen und tanzen;
    • Freunde treffen, Scheiße reden, ab und zu zu viel Bier trinken;
    • Schreiben (Postkarten, Briefe und persönlich zugeschnittene Lebensgeschichten für Menschen, die ich mag / liebe);
    • Sex natürlich (gebe ich nicht auf, noch nicht … lol);
    • und noch viele Dinge mehr.
      Das ist zu viel, ich kann das Tempo nicht mehr halten. Ich werde alt und muss mich von Zeit zu Zeit ausruhen und schlafen. Das ist wahrscheinlich in Ordnung, ich brauche nur etwas Zeit, um es endlich zu realisieren. Ich habe viel zu lange ignoriert, dass ich auch älter werde. Ich habe mich viel zu lange für jünger gehalten, als ich bin. Aber nein: Ich mag vielleicht jünger aussehen (höre ich immer wieder), aber ich bin nun 41. Ich muss mit meiner Energie haushalten.
  4. Ich möchte am Leben eines anderen Menschen teilnehmen, da dies wahrscheinlich viel einfacher ist, als jemanden zu finden, der sich für all die Dinge interessiert, die mich interessieren und die ich mache.
  5. Ich muss mich auf das konzentrieren, was vor mir liegt.

Weißt du, es ist ja nicht so, dass ich Krebs hätte oder nach einem Unfall aus dem Koma erwacht und nun querschnittsgelähmt wäre. Ich war schon seit vielen Jahren nicht mehr körperlich krank, war seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr im Krankenstand. Ich bin körperlich top fit, behaupte ich jetzt mal.

Gleichzeitig geht es mir nicht gut. Psychisch. Noch vor ein paar Jahren hätte ich mit so etwas nicht gerechnet. Aber nun stecke ich da irgendwo drinnen und tu mir schwer, da wieder raus zu kommen. Das ist schwer in Worte zu fassen. Man kann da kein Skalpell an irgendeiner Stelle der Psyche ansetzen und etwas operieren. Man kann die Wunden, die ich mir selbst oder die mir andere zugefügt haben, nicht so einfach heilen. Ich wünschte, ich könnte schnell ein paar Veränderungen durchführen und schon ginge es mir besser, aber so einfach ist das nicht. Ich weiß nicht wo ich anfangen soll und wie. Bei mir? Beim Job? Familie? Meiner Mom? Studium? Ich sehe vor lauter Wald die Bäume nicht mehr. Ich weiß nicht, wo ich mir Hilfe holen soll und wie. Was soll ich sagen und wem? Was brauche ich nun konkret? Wie soll es mit mir weiter gehen?

Ich habe nach der Trennung mit meiner vorherigen Freundin mit Psychopharmaka angefangen, weil mich schon damals die Trennung so mitgenommen hat. Die Psychopharmaka habe ich nun endgültig letztes Jahr in Asien abgesetzt. Nach 3 Jahren. Heute quellen all die Gefühle, die jahrelang in mir verschlossen waren, aus mir heraus. Damit umzugehen ist manchmal nicht einfach. Mann weint ja nicht. Dabei lache ich gerne, habe gerne Spaß, bin gerne aktiv und munter. Aber … manchmal komme ich aus mir nicht heraus und weiß nicht wohin. Es fällt mir zur Zeit alles so schwer und sinnlos zu sein.

Was ich mir zur Zeit am meisten wünsche ist Stabilität. Ich möchte aufstehen, einer Beschäftigung nachgehen, dafür ein Gehalt bekommen und wieder nach Hause gehen. Davon befinde ich mich zur Zeit Lichtjahre entfernt. Hahaha.

Irgendwann 2020 wird hoffentlich alles wieder gut. Und wenn nicht, dann 2021. Oder 2022. Oder … LOL

So, aus … ich denke, dass nun der Schlussstrich unter 2019 war. Mal schauen, was 2020 mit sich bringt.

Liebe Grüße

Wie fühlte sich mein Burnout an?

Stelle dir vor, dein Leben ist eine (hoffentlich) lange Wanderung. Zu Beginn hilft man dir noch viel um auf die eigenen Füße zu kommen; du lernst dich auf den Straßen, Wegen und Pfaden zu bewegen; vielleicht holst du dir dabei mal da und dort einen blauen Fleck, was aber nicht weiter schlimm ist, denn du bist noch jung und steckst diese ganz locker weg; doch irgendwann bist du auf dem Weg durch das Leben auf dich alleine gestellt. Im Laufe des Lebens sammelst du Wissen und Erfahrung, und gehst mal dahin, mal dorthin. Du bist voller Energie und Elan, du könntest täglich Bäume ausreisen. Die Wege, auf denen du dich bewegst, sind breit und bequem, und es gibt auf diesen kaum einen Verkehr und wenn doch, dann schlängelst du dich gekonnt an den Hindernissen vorbei.

An irgendeinem Punk in deinem Leben hast du dir aber so viel vorgenommen, dass die Spaziergänge und Wanderungen immer länger und die Erholungszeiten immer kürzer werden. Doch du blickst zurück auf dein Leben und denkst dir, dass ja früher alles immer so einfach gegangen ist und fragst dich, warum es denn jetzt anders sein sollte. Also marschierst du brav weiter: in deinen Job, in den Garten, auf deine Reisen, zum Sonntagsbrunch, zu Freunden, auf eine Party, zum Familienessen, zum Shoppen, in den Baumarkt – unaufhörlich bist du unterwegs.

Irgendwann bist du schließlich so lange unterwegs, dass du langsam müde wirst. Du merkst es kaum, denn diese Erfahrung hast du noch nicht gemacht. Du bleibst auch nicht stehen um eine Pause zu machen, sondern läufst weiter und weiter. Du hast vielleicht eine Reihe an Verpflichtungen am Hals, die du erledigen musst, und zum Ausgleich halst du dir in deiner Freizeit noch etliche weitere Verpflichtungen auf, da du ja in deiner Freizeit unbedingt aktiv sein magst.

Am Anfang bist du noch mit viel Schwung unterwegs, zusehends aber immer verbissener und verbissener, ohne den Grund für diese Verbissenheit oder Anstrengung zu wissen. Ohne es zu merken kommst du vom Weg ab. Zwar kommst du immer wieder zu deinen Zielen – dem Job, dem Garten, den Reisen und den vielen anderen Dingen – aber die Wege scheinen sich nun unfassbar in die Länge zu ziehen, die Gänge scheinen dir immer anstrengender zu werden. Der früher breite und bequeme Weg wird unmerkbar schmäler und unbequemer, die ersten Hindernisse liegen auf dem Weg.

Die gewohnt malerische Umgebung ändert sich, der Untergrund wird nun holpriger, dir fällt es aber nicht auf, du hast lediglich deine Verpflichtungen und Ziele vor den Augen, von denen du dir einredest, diese wären zu erreichen, wären lebenswert, wären das, was dich als Mensch ausmacht.

Da du Scheuklappen auf den Augen hast merkst du nicht, dass sich nicht nur die Umgebung und der Untergrund ändern, es ändert sich auch langsam das Wetter. Zwar scheint noch die Sonne, aber in der Ferne sind schon dunkle Wolken zu sehen. Bald fängt es an zu regnen, deine Kleidung und deine Schuhe sind durchnässt, ein Halt wäre ratsam, um mal etwas zu essen und zu trinken, und vielleicht mal ein wenig zu ruhen, um in dich hinein zu spüren, wie viel Energie denn eigentlich noch da ist. Es wäre gut, nachzusehen, ob du noch immer am richtigen Weg bist und ob die Ziele, von denen du denkst, sie wären für dich so wichtig, wirklich das sind, was du nun brauchst. Doch du denkst dir: Für so etwas habe ich gerade keine Zeit. Ich muss noch weiter, ich habe noch viel vor, das geht sich schon alles gut aus, alles kein Problem.

Inzwischen bist du beim Abgehen deiner täglichen und so selbstverständlichen Zwischenstationen sehr weit von allem und allen unterwegs und irrst nur noch herum. Du bewegst dich erschöpft im unwegsamen Gelände, die Umgebung ist dir gar nicht mehr vertraut, dichter Regen nimmt dir nun auch noch die Sicht. Ständig steigst du über ein Hindernis, das du vor einem Augenblick noch nicht gesehen hast. Du weißt nicht mehr, wo du einen Halt finden könntest oder wer dir helfen könnte, wieder auf den richtigen Weg zurück zu finden. Als dir auch noch die Energieriegel und das Wasser ausgehen, hörst du auf klar zu denken und schlägst um dich wild herum. Du triffst dabei irgendetwas, du hörst noch ein klirren, aber du weißt nicht was du getroffen hast. Um dich ist es dunkel und alles dreht sich. Schließlich kommst du vor lauter Erschöpfung gezwungenermaßen endlich zu deiner Ruhe. Du legst dich hin und machst ein Nickerchen.

Ich 2014 mit dem Roller in Vietnam unterwegs. An diesem Tag habe ich für 80 km ganze 18 Stunden am Roller verbracht, oft – wie hier – weit abseits jeglicher Touristenpfade und Zivilisation. Ich hab’s mir vorher einfacher vorgestellt.

Als du Monate später aufwachst, findest du dich Mitten im Nirgendwo wieder. Du weißt nicht, wo du bist und wohin du nun gehen sollst. Du bist ständig müde und magst eigentlich nur schlafen, da du dich ziemlich erschlagen fühlst. Du hast auf gar nichts mehr Lust. Weder auf körperliche noch auf geistige Aktivitäten. Du schaffst es gerade mal zum Supermarkt. Der Weg zum Supermarkt um die Ecke scheint dir eine Weltreise zu sein. Im Supermarkt selbst kaufst du dir einen Vorrat an Zwieback und Sojadrinks, da du überhaupt keinen Appetit mehr hast. Nach einer Woche wiegst du 5 kg weniger. Eigentlich gar keine so schlechte Diät, wärst du nicht ohnehin schon untergewichtig.

Du triffst Entscheidungen, ohne zu wissen, ob sie die richtigen sind. Du gehst in eine Richtung, ohne zu wissen, was dich dort erwartet. Du weißt nicht, wie du auf den Weg, den du vor langer Zeit verlassen hast, wieder kommen sollst. Du hörst aus der Ferne unterschiedliche Ratschläge aber du weißt, dass du auf diesen Weg alleine kommen musst, dass dir dabei niemand helfen werden kann. Manchmal kommst du in eine Sackgasse und musst den anstrengenden Weg wieder zurück nehmen.

Irgendwann kehrt der Appetit zurück und du setzt dich langsam in Bewegung, um wieder einem geregelten Alltag nachzugehen. Doch alles geht nun viel langsamer voran als früher. Dir fehlt die Kraft und ein klarer Verstand. Dort und da erholst du dich ein wenig, kannst ein wenig Kraft tanken, aber du gehst nun immer auf Reserve. Du bräuchtest eigentlich eine richtige Auszeit, ordentlich Ressourcen, damit du dich mit Energie volltanken kannst. Du müsstest mal so richtig abschalten und dir Zeit nur für dich nehmen, ohne an morgen zu denken, ohne ständig mit Sorgen über die Zukunft konfrontiert zu sein. Aber so einfach ist das nicht. Diese Ressourcen hast du vielleicht nicht. Also drehst du alles ab was dir Kraft raubt, was für dich anstrengend sein könnte und machst nur noch das absolut Nötigste. Das, was du mehr oder weniger zum überleben brauchst. Du isst, um zu arbeiten und arbeitest, um essen zu können. Für mehr hast du eigentlich keine Kraft, alles weitere, was du aber dringen bräuchtest, kommt vermutlich viel zu kurz.

Mit der Zeit nimmst du den Scherbenhaufen wahr, denn du vor deinem Zusammenbruch angerichtet hast. Manches wird dir langsam klar, du verstehst vielleicht, warum es so weit gekommen ist, doch du weißt auch, dass du diesen Scherbenhaufen, den du angerichtet hast, nie wieder zusammen flicken werden kannst. Du wirst zu deinem früheren Leben nie wieder zurück kehren, dafür ist der Schaden viel zu groß. Manchmal stürzt dich das in ein tiefes dunkles Loch, dass dir wieder all deine Energie raubt.

Monate vergehen, vielleicht sogar Jahre, bis du irgendwann wieder genug Kraft geschöpft hast, um aufrecht durch das Leben zu gehen. Bis dahin kämpfst du täglich. Mit dir selbst.