Ein Text aus vergangenen Tagen

2015 schickte ich ihm Rahmen von FM4 Wortlaut meine Kurzgeschickte zum Thema „Wild“ ein. In die engere Auswahl kam ich leider nicht, der Text ist dennoch geblieben.

Heute, einige Jahre später, scheint sich meine Einstellung auch zu diesem für mich sehr emotionalen und im Text behandelten Thema zu ändern, und so frage ich mich mit meinen 41 Jahren, wohin ich mich denn nun hinverändere. Felsenfeste Überzeugungen fangen langsam an zu bröckeln, Einstellungen wenden sich um 180 Grad, früher so Wichtiges verliert heute an Bedeutung, und ohne mein Zutun prasseln unaufhörlich völlig neue Vorstellungen vom Leben und Sein auf mich ein. Wohin mag ich denn gehen? Und wie? Und mit wem überhaupt? Und wer will sich das mit mir überhaupt antun?

Äußerlich, so scheint mir, werde ich unmerklich älter und je länger mich die Menschen kennen, umso weniger ist diese Veränderung sichtbar. Innerlich, da bin ich heute ein anderer Mensch. Alte Freunde und neue Menschen in meinem Leben sehen mich vermutlich in einem völlig unterschiedlichen Licht.

Wer ich heute bin, weiß ich selbst nicht. Ich sehe deutlich, wer ich einmal war und weiß, dass ich mich in einer Phase des Übergangs befinde. Doch wo ich nach diesem Übergang sein werde ist für mich noch nicht zu sehen. Das macht mir manchmal Angst, ich bin unsicher und verwirrt, und Entscheidungen zu treffen fällt mir nicht einfach. Alles scheint mir hinter einer Nebelwand zu verschwinden. Die Frage danach, was ich denn möchte, was ich denn brauche, treibt mir Schweiß auf die Stirn, denn um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht.

Der Text von damals …

Wild – das war mal

Die Sonne geht allmählich unter und wirft immer längere Schatten, die an uns teilnahmslos vorbeiziehen, während wir stumpf in die Leere starren, mit unseren Gedanken beschäftigt und jenen des anderen. Kälte kriecht unsere Nacken herab, den Rücken hinunter, macht sich um unsere Herzen breit. Kalt sind wir beide in den letzten Monaten geworden und kalt fühlt sich das trostlose Gespräch an, dass wir seit Stunden nicht fähig sind zu führen.

„Ich möchte Kinder haben. Und eine Familie gründe. Und ich denke, dass das Leben wunderbar ist, dass nicht alles so negativ ist, wie du es immer siehst!“, sagt sie.

Meine Gedankengebäude fangen langsam an zu zerfallen, Träume verschwinden hinter einer dichten Wolke der Ratlosigkeit und Hoffnungen gehen verloren. Angst macht sich in mir breit. Angst, vor einer ungewollten Zukunft, vor untragbaren Lasten, unerträglichen Pflichten und einer Verantwortung, die mein restliches Sein bestimmen soll.

Ich denke über meine Kindheit nach, als meine Eltern mit nichts außer ihren Kindern in dieses Land kamen. Eine fröhliche Kindheit war das, in der die Zeit still zu stehen schien. Wild und unaufhaltsam war ich da, und glücklich mit all den kleinen Abenteuern. In den Weinbergen, in den Bächen, in den Wäldern. Beim Seifenkistenrennen, Baumhaus- oder Schneehöhlenbauen. Mit Schrammen und zerrissenen Hosen kam ich glücklich nach Hause, setzte mich zu meiner Tasse Kakao oder legte mich in die Arme unserer Eltern. Und mehr als am Ende des Tages einen Maulwurf in der Wiese gefangen und wieder frei gelassen, ein Versteck in einer Baumkrone gefunden oder unter dem Wohnzimmertisch ein Deckenhaus gebaut zu haben hat es zum Glücklichsein nicht gebraucht. Unbekümmert war ich da, ohne zu wissen, dass es auf dieser Welt mehr als nur kindliche Abenteuer gibt.

Arbeit und Rechnungen und Einkäufe und Reparaturen. Immer häufiger werdende Arztbesuche und Kontoauszüge, die mit roten Zahlen überquellen. Behördenwege, und Krankenkassenan- und abmeldungen. Private Pensionsvorsorgen und …

„Du warst so lebendig, lebensfroh und lustig, als ich dich kennen gelernt habe.“
„Ich bin noch immer lebendig, lebensfroh und lustig. Nur möchte ich eben keine Kinder haben. Ich sehe einfach keinen Grund, ein Kind haben zu müssen. Ich bin zufrieden. Zufrieden mit dem Bisschen, das ich habe und dem Vielen, das ich nicht habe.“

… Deadlines und Waschtage und Einkäufe. Wie viel Kraft und Zeit das alles in Anspruch nimmt. Die vielen Stunden vor dem Spiegel beim Rasieren; die zermürbenden Einkäufe eines passenden Hemdes, um angemessen im Büro zu erscheinen; die Fahrten in übervollen öffentlichen Verkehrsmitteln zu überfüllten Einkaufsmärkten. Das alles scheint mir so fremd, so unwirklich zu sein.

„Ich möchte ankommen, ich möchte mir in dieser Stadt etwas aufbauen, ich möchte nicht mehr von einem Ort zum nächsten reisen und immer auf der Suche nach einem Abenteuer sein.“
„Ich will aber nicht stehen bleiben, in monotonen Abläufen untergehen, langsam vor mich dahin sterben. Ich will die Kontrolle über mein Leben nicht völlig verlieren. Schon jetzt muss ich mich fügen, unterordnen, anpassen. Andere bestimmen, was ich wie zu tun habe. Was meine Pflichten und Rechte sind. Mit einem Kind werden es nicht weniger, es werden mehr und sie werden mich erdrücken.“

Mit unserem Starren versuchen wir die hineinbrechende Dämmerung zurück zu drängen und die Zeit anzuhalten, um keinen Gedanken an gestern oder morgen verlieren zu müssen.

Meine Jugend geht mir durch den Kopf, als ich mich vorsichtig aber ungestüm hinaus in die große Welt wagte und meine ersten selbstständigen Schritte am Parkett des Lebens machte. Heimlich habe ich mit Kameraden Zigaretten am Schulhof geraucht und mit ihnen den Mädchen aus den höheren Klassen nachgeschaut. Auf Parkbänken haben wir Bier getrunken, uns anschließend in den Büschen übergeben und dabei an Mädchen aus den höheren Klassen gedacht. Das erste Händchenhalten und der erste Kuss fallen mir ein, dabei noch immer den Mädchen aus den höheren Klassen hinterher schauend. Denen mit Brüsten. Und langen Beinen. Denen, die sich erwachsener gaben, als sie tatsächlich waren. Zu Freunden ging ich über Nacht schlafen, weil ich so einfacher in die erste Disco oder in einen Club kommen konnte, wo wir Kassetten mit Musik getauscht, unsere ersten Joints geraucht und den Mädchen aus unbekannten Klassen nachgeschaut haben. Vor Freude bin ich in solchen Nächten nach Hause gelaufen, das Herz ist mir wild in der Brust gesprungen, es war frei, war unbekümmert. Hat nicht an gestern und auch nicht an morgen gedacht. War einfach nur da.

„Benny und Cori, Irene und Andi, Matthias und Sabine, Renate und Jonnie – alle haben sie Kinder. Die meisten deiner Freunde haben welche. Wer von deinen Freunden hat eigentlich keine Kinder?“

Ein träger Seufzer entfährt meiner Brust, während ich in meinem Schoß lustlos die Finger verschränke, den Blick ins Unbestimmte gerichtet, wo ich die Lösung meiner nicht vorhandenen Probleme zu finden versuche.

Dort in der Ferne offenbart sich mir mein bisheriges Leben in Form spannender Bergbesteigungen. Ich sehe mich immer höhere, immer anmutigere Berge bezwingen. Die Mühe hat sich jedes Mal gelohnt. Die Sicht ist wunderbar – Hügel und Berge, und Schluchten und Täler wohin das Auge reicht. In der Ferne vor mir, da türmt sich auch schon der nächste Berg auf. Da will ich nun hin. Das ist mein weiteres Ziel. Dort will ich ankommen, um zurück, aber auch weiter nach vorne zu blicken. Ich habe noch Kraft, gehe los, aber im selben Moment drückt mich etwas zu Boden. Es ist die Zukunft. Die Zukunft mit einer Frau, Kindern, Freunden, meiner Familie, der unüberwindbaren Hassbeziehung mit der Gesellschaft. Arbeit, Verpflichtungen und Sorgen erdrücken mich. Am Boden, auf Händen und Füßen langsam dahinkrabbelnd, geht es dann los. Aber der Berg ist nun von unten betrachtet um einiges größer geworden. Ich krabble und krabble und krabble, aber der Berg kommt nicht näher. Du verfluchtes Stück Gestein! Jetzt bewege dich wenigstens um einen Meter! Der Himmel zieht zu, düstere Wolken versperren mir nun auch noch die Sicht, der Weg scheint sich vor meiner Nase zu verlieren.

„Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich genug Kraft für eine Familie habe. Ich brauche Kraft. Und Raum. Um meinen nicht erfüllten Träumen, Wünschen und Begierden hinterher zu trauern. Ich kann mich so schwer von ihnen lösen. Den unerfüllten Reisen in unbekannte Länder; den Großstadtabenteuern, die in verlassenen Parks, verrauchten Bars, verlorenen Badeseen lauern; den beruflichen Möglichkeiten, die mir eine nach der anderen wie Sand durch die Finger rinnen. Muss ich nun auch die Träume, Hoffnungen und Wünsche aufgeben?“

Der Abend bricht über uns herein. Ich stehe auf, spaziere durch das Zimmer auf den Balkon, lehne mich am Geländer an und richte meinen Blick in das Dunkle der Linde vor unserem Haus. Das Dunkle zieht mich an, zieht mich in sich, verschlingt mich. Aus der Zeit nach den schüchternen Jugendjahren flimmern Momente vor meinen Augen. Ein Sprung von einer Klippe, von einer Brücke, aus einem Flugzeug. Ich sehe mich auf einer Seilrutsche über eine Schlucht dahingleiten, unter mir ein breiter, kristallklarer Fluss; auf einem Firngrat mit einem Snowboard stehen, der Sonne in das stille Tal hinterher schauend, im nächsten Augenblick eine weite Spur im Pulverschnee ziehen; auf einem Bike den Berg hinunterpreschen, mit Vollvisierhelm, Brustpanzer und Nackenschutz. Ich wache in einem Krankenhaus auf, die Hand ist gebrochen, doch das gehört dazu. Ich sehe mich eine Welle verfolgen, sie bricht über mir, aber ich lasse mich nicht fangen. Ich nicht. Nein, ich bestimmt nicht. Das schmale Brett unter mir und ich sind schneller. Wir gleiten hindurch, auf der einen Seite türmen sich Wassermassen steil nach oben, während sie auf der anderen mit imposantem Getöse einbrechen. Mit den Händen kann ich den Überschlag berühren. Ich höre laute Musik in einem Club, die Sinne sind ganz auf alle Eindrücke gerichtet, die Augen nehmen den Druck der Lautsprecher wahr, die Ohren die Intensität der Scheinwerfer, der ganze Körper vibriert. Eine viel zu schnelle Autofahrt durch die Stadt blitzt vor meinen Augen als nächstes auf, rasant und unbekümmert, als gebe es keinen Morgen. Nackte Frauen unterschiedlicher Klassen gehen mir durch den Kopf und wilder Sex. Ich bin glücklich. Ich bin frei. Und ich bin wild.

Dunkel starrt mich die Linde an. Ich drehe mich um, kehre ihr den Rücken zu, um nicht mehr an vergangene Tage erinnert zu werden. Ich gehe ins Bad, stütze mich mit den Händen am Waschbecken ab, lasse den Kopf hängen.

„Was willst du eigentlich? Was erwartest du dir noch vom Leben? Wohin zieht es dich? Warum die Unruhe, die ständige Bewegung? Wie ein herrenloser Hund streunst du durch das Leben, immer auf der Suche. Nach was? Sag es mir“, höre ich aus dem Wohnzimmer.

Ich hebe den Kopf und blicke in den Spiegel über dem Waschbecken. Alt ist es geworden, mein Gesicht. Die Sorgenfalten hinterlassen die ersten tiefen Furchen, die Augenringe werden trotz genügend Schlaf nicht kleiner, die Krähenfüße fangen langsam an mein tatsächliches Alter zu verraten, obwohl ich mich immer gerne jünger gegeben habe. Dicht vor dem Spiegel blicke ich in meine Augen hinein, welche mir immer so lebendig vorgekommen sind. Sie brannten vor Abenteuerlust, doch das Feuer ist schon vor langer Zeit heruntergebrannt. Übrig geblieben sind zwei dunkle Kreise, die an vergessene Feuerstellen erinnern. Ich sehe die Zukunft, die nichts Neues mehr bringen wird.

Sie umarmt mich von hinten, legt ihr Kinn auf meine Schulter, beide sehen wir im Spiegel durch uns hindurch.

„Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was ich will. Es ist nicht einfach, alt zu werden und das Abenteuer an den Nagel zu hängen. Nicht für mich.“

Wir gehen ins Bett, machen die Lampe aus, umarmt liegen wir da. Das Schweigen drückt auf unser Gemüt, lange liegen wir mit offenen Augen da, sehen uns an, aber sagen kein Wort.

„Du musst das Älterwerden nicht fürchten. Du machst doch ohnehin was du willst, wild wie du immer noch bist.“
„Nein, das alles ist schon lange vorbei“, flüstere ich in die Nacht. „Wild – das war mal.“

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