Hanoi

geht an Verschmutzung zugrunde

Ich habe das Gefühl, dass Hanoi unfassbar idealisiert und romantisiert wird. Hier meine Eindrücke …

Über Hanoi gibt es, bis auf zwei Sachen, nichts Schönes zu berichten.

Alle meine Sinnesorgane kämpfen mit der unfassbaren Verschmutzung, der sie hier – abgesehen von einer kurzen Unterbrechung mitten in der Nacht – permanent ausgesetzt sind. Mit Verschmutzung meine ich nicht nur den schmierigen Dreck und die Massen an Müll auf den Straßen. Es sind auch die abgasgeschwängerte Luft, der unaufhörliche Lärm, der üble Gestank, der saure Geschmack und das rauhe Gefühl auf der Haut. Das alles macht mir schwer zu schaffen.

Luft

Hanoi zählt ungefähr 8 Millionen Einwohner von denen sich die meisten mit einem Roller fortbewegen. Und so blasen fünf Millionen Roller – so viele sollen es sein – 20 Stunden am Tag ihre Abgase in die Luft.

Heute liegt der AQI – ein Luftqualitätsindex – bei 178, was mit „ungesund“ bewertet wird. Es war in den letzten Tagen deutlich schlimmer. Wien kommt mit 55 relativ gut davon. Unabhängige Apps, die die Luftqualität angeben, werden von der vietnamesischen Regierung mit Attacken bombardiert. So liest man in Online-Nachrichten.

Dementsprechend ist die Luft durch den vielen Moped-Verkehr nicht zu atmen. Hinzu kommt, dass an jeder Ecke mit Kohle gekocht und gegrillt wird, was ebenfalls ein wichtiger Faktor für die unfassbar schlechte Luftqualität ist.

Grillen in Hanoi

Viele tragen daher Masken, die den Feinstaub und noch mehr abhalten sollen, doch ich frage mich, ob sie überhaupt etwas helfen, atmen die Menschen diese Luft ja täglich ein. Ihr ganzes Leben lang. Durch den vielen Staub und Schweiß fühlt sich die Haut am Ende des Tages wie feines Schmirgelpapier an. Man mag sich alle paar Stunden duschen. Frauen ziehen daher vorbeugend Ganzkörperanzüge bzw. Jumpsuits an, die den Staub von Haut aber auch Kleidung fernhalten sollen. Sie sehen im Anzug und Staubmaske wie bunte Mumien aus.

Was die Wäsche betrifft, so wird diese nie vernünftig sauber, denn die Waschmaschinen sehen hier zwar alle aus wie aus der Zukunft, nur waschen die meisten nur mit kaltem Wasser und die Wäsche wird darin nur ein wenig hin und her bewegt.

Macht die Wäsche nass, mehr aber nicht

Weil die Luft hier ja ohnehin schon so schlecht ist kann man eigentlich auch ruhigen Gewissens qualmen. Am besten am Roller im dichten Verkehr. Unlängst sitze ich im dritten Stock eines Cafés am Westsee. Unter mir quält sich eine unaufhörliche Kolonne an Motorrollern durch die Straße, deren Abgase mir das Atmen nicht einfacher machen und die Sicht auf die gegenüberliegende Seite des Sees trüben, wobei dies vielleicht auch daran liegt, dass mir die Augen vom Ruß brennen. Das ständig Gehupe, zu dem ich noch komme, raubt mir außerdem den letzten Nerv. Um den Gestank der Roller – aber auch des Sees, in dem es am Ufer nur so von toten Fischen wimmelt und dieser auch nach totem Fisch riecht – zu überdecken, qualmt ein junges Pärchen neben mir Zigaretten im Minutentakt. Der Wind zieht in meine Richtung und ich bin froh, am Passivrauchen teilhaben zu können. Nein, nicht wirklich.

Dank Smog sind hier aber die Sonnenaufgänge …

Westsee beim Sonnenaufgang

… aber auch die Sonnenuntergänge …

Westsee beim Sonnenuntergang

… wunderschön. Na immerhin etwas.

Müll

Die Straßen sind voller Müll, den die Menschen tagsüber in dünnen Plastiksäckchen zum Straßenrand stellen oder auf den Straßenrand zu kleinen Häufchen kehren. Der Müll wird in der Nacht von einem Putztrupp weggekarrt, ist bis dahin aber zum Teil von Autos sowie Mopeds zerfahren und wieder auf die ganze Stadt verteilt. So kehren die Menschen hier unaufhörlich das zusammen, was der Wind zu ihnen trägt.

Müll, Müll, Müll

Mitten in der Stadt befindet sich der bereits erwähnte Westsee. Es ist ein toter See, an dessen Ufer – 13 Kilometer sind es, ich bin am ersten Tag einmal zu Fuß herum gegangen um mich durch Bewegung wach zu halten und so dem Jet leg zu entkommen – Berge an Müll, toten Fischen und Ratten gespült werden. Das hält die Menschen hier nicht davon ab ihre Haken auszuwerfen, um einen der noch lebenden Unglücklichen herauszufischen. Ich versuche mich übrigens nur noch vegetarisch zu ernähren.

Non non nom

Lärm

Das ständige Hupen ist unaufhörlich. In der Nacht zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens ist es am ruhigsten. Ich bin vor ein paar Tagen um 5 Uhr aufgestanden um ein wenig neben dem West Lake zu joggen, war aber um diese Zeit eigentlich schon zu spät dran. Die Straße um den See war bereits voll mit Menschen, die sich bewegen. Walken ist hier sehr beliebt, langsames Radfahren, bisschen Kicken bei den Männern, gemütliches Aerobic bei den Frauen. Aber als Sport würde ich das alles nicht bezeichnen, denn für Sport braucht man Sauerstoff und den gibt es hier ja nicht. Die Stadt bietet kaum Grünflächen und so nutzen die Menschen jeden Platz für ihre tägliche Dosis an Bewegung. Gehsteige, Hauseingänge, ein kleines Plätzchen da, ein Bäumchen dort.

Kinderspielplatz

Besonders auffällig ist das gemütliche Aerobic. Schon um 5 Uhr in der Früh dröhnt überall, an jeder freien Fläche der Stadt, unfassbar laute Musik aus billigen Lautsprechern, zu der sich die Menschen gemächlich abhampeln. Mein Durchschnittstempo beim Laufen liegt ungefähr bei 10 km/h. Hunderte(!) Frauen und Männer überholen mich auf ihren Rädern mit wahrscheinlich 11 km/h. Viele davon haben am Fahrrad eigene Lautsprecher und beschallen damit unaufhörlich sich und alle anderen. Es ist für keinen Moment ruhig auf der Straße. Klar, man könnte die einzige Zeit des Tages, in der es ein wenig ruhiger ist, in Stille verbringen, aber von Ruhe hält man hier anscheinend nicht viel. Nach 35 Minuten gebe ich auf. Weder macht mir das Laufen Spaß, noch sehe ich irgendeinen Sinn darin meine Lunge unnötig mit Abgasen zu fühlen. Vielleicht stehe ich das nächste Mal schon um 4 Uhr auf. Vielleicht.

Vergleichsweise eine seeeehr ruhige Straße (gefunden im Old Quarter)

Gestank

Dank Müll auf den Straßen, Abfällen jeglicher Art und dem mit toten Fischen überdeckten Westsee riecht es hier permanent wie auf einer Müllkippe. Ich hätte gerne Tigerbalsam, den ich mir unter die Nase schmiere könnte, damit ich den Gestank nicht ständig riechen muss.

Straßenkehrerin und 5:00 Uhr in der Früh

Geschmack

Was den Geschmack betrifft, so bin ich von der Straßenküche mehr als enttäuscht. Es wird einfach alles mit niedrigster Qualität in einem Topf verkocht. Das Ergebnis kommt dann auf den Teller und ohne die vielen zusätzlichen Gewürze und Saucen, die auf dem Tisch bereit stehen, schmeckt es auch nicht gut. Die bessere Küche ist vorwiegend Touristen vorbehalten. Was hier gehoben zu sein scheint ist in Thailand an jeder Ecke zu finden.

Fazit

Irgendwann wird die ganze Verschmutzung dieser Stadt das Genick brechen. Und vielleicht auch uns, den reichen und gut entwickelten Nationen, denn die Verschmutzung macht nicht vor Landesgrenzen halt sondern überschreitet Länder, ja ganze Kontinente.

Wir sollten die Verantwortung für dieses globale Problem nicht den weniger entwickelten Ländern selbst überlassen. Diesen fehlt es schlicht am politischen Willen sowie an den Ressourcen, die nötig wären, um das Thema „Umweltschutz“ in den Griff zu bekommen.

Ich muss weg …

Ich habe beschlossen, nach Chiang Mai zu fliegen und dort die restliche Zeit bis zu meiner Rückkehr nach Wien zu verbringen. Es war mir in Hanoi nicht möglich mich irgendwo in Ruhe auf meine Prüfung vorzubereiten, entspannt in einem Café zu sitzen, einfach aber gesund essen zu gehen, zu jeder beliebigen Zeit Sport zu betreiben.

Vietnam ist für mich (noch) nicht gestorben und es gibt ja die zwei Sachen, die Hanoi interessant machen, nämlich 1. die Menschen hier: Sie sind unfassbar nett und zuvorkommend, allerdings könnte ich zur Höflichkeit irgendwann auch einen Roman schreiben, denn diese ist auch etwas, was meiner Meinung nach unüberlegt idealisiert und romantisiert wird. Leider fehlt ihnen das Lächeln und die Gelassenheit, die ich so an den Thailändern schätze. 2. der Kaffee: unfassbar gut.

Als Espresso …
… auf Eis …
… oder wie hier klassisch vietnamesisch mit Kondensmilch

Es gibt hier noch viel zu entdecken. Allerdings ist Hanoi für meine Zwecke absolut ungeeignet.

Was ich unter „reisen“ verstehe

Erholung

Wie alle anderen Menschen auf dieser Welt brauche auch ich ab und zu Zeit für Erholung. Erholung von meinem Job, meinem Alltag, den Pflichten, dem Nachdenken über Vergangenes, Gegenwärtiges oder auch Zukünftiges – kurz gesagt: Ich brauche Zeit für mich, um in der Hängematte vor mich auf das Meer oder sonst wohin zu starren, während die Seele am nächsten Ast baumelt und die Gedanken sich in der Weite verfliegen. Das zu tun ist ein großes Privileg und wird mir immer nur auf monatelangen Reisen bewusst.

Nicht jeder Mensch auf dieser Welt kann dies tun, kann sich überhaupt einen Urlaub nehmen oder Überstunden anhäufen, einen Sonderurlaub in Form eines Sabbatjahres beantragen oder ortsunabhängig arbeiten, um für länger nur mit sich beschäftigt zu sein. Sich ein paar Tage frei zu nehmen oder für zwei, drei Wochen in den Urlaub zu fahren, das hat wenig mit einer mehrwöchigen oder gar mehrmonatigen bis hin zu mehrjährigen Reise zu tun.

Ankommen, und im Hier und Jetzt sein

Während ich für meinen Urlaub meistens vorab sehr gut vorbereitet bin, die Orte und Unterkünfte bereits gut geplant sind, das Programm überlegt ist, überlasse ich meine Reisen dem Zufall. Ich muss nicht unbedingt zu einem bestimmten Zeitpunkt irgendwo sein, muss nicht unbedingt dies oder das sehen oder auch erleben. Genau das ist für mich das Wesen einer Reise: Ankommen, und im Hier und Jetzt sein.